Was geschieht, wenn studierte Musiker mit einer Vorliebe auf literarische Historie aufeinander treffen? Im Jahre 1991 ist dies geschehen und das eher experimentelle Projekt Qntal war geboren. Mittlerweile ist die Mixtur aus mittelalterlichen Melodien und elektronischen Beats kein Experiment mehr und auch andere Bands wie beispielsweise Heimataerde haben sich diesem Genre angeschlossen, das immer mehr Fans in der schwarzen Szene gefunden haben. Gut besuchte Auftritte beispielsweise auf dem Amphi Festival sind die Folge. Nun war es vier Jahre lang eher still um Qntal geworden, weil sich Sängerin Sigrid Hausen und Komponist Michael Popp anderen Projekten widmeten. Anfang diesen Monats war es aber endlich wieder so weit und Qntal beehrten ihre Fans mit einem neuen Album. Das mittlerweile achte Album, wie sich auch unschwer am Titel erkennen lässt, trägt den Untertitel „Nachtblume„, erschien am 09.03. via Drakkar Entertainment und hat einiges zu bieten.

Der Silberling beginnt mit dem Titeltrack „Nachtblume“, das zunächst mit leisen Flötentönen und ruhigem Gesang beginnt. Die beiden ersten Strophen des Gedichtes von Joseph von Eichendorff werden mehrmals wiederholt, bis sich dann elektronische Klänge in das Lied einmischen und die dritte Strophe bei der zweiten Wiederholung sich anschließt. Erst danach setzt die Musik richtig ein und bildet einen elektronisch-tanzbaren Rhythmus um das Gedicht. Die Strophen werden innerhalb der 4 Minuten des Songs neu angeordnet und immer mal wieder wiederholt, während die elektronischen Klänge nur in Interludien zu hören sind. Beim Song „Die finstre Nacht“ überlagern sich Gesang und Musik die gesamte Zeit und wechseln sich nicht ab. Ein beschwingter Rhythmus begleitet das Lied, sodass der Reiter, um den es im Lied geht, auch musikalisch Gestalt annimmt. In diesem Lied singt aber nicht Sigrid Hausen, sondern Michael Popp, was dem Gedicht Eichendorffs nochmal einen neuen Touch verleiht. Auch dieses Gedicht hat nur drei Strophen, allerdings werden diese nicht wiederholt. Stattdessen werden nur einzelne Zeilen am Ende der Strophe wiederholt und in die Elektronik des Songs eingebaut. Der letzte Vers der ersten Strophe dient dem Song dann mehrstimmig als Refrain.
Während die beiden ersten Songs auf deutsch vorgetragen wurden, reist Qntal mit „Music on the waters“ in das Reich des britischen Dichters Lord Byron, der zur gleichen Zeit wie Eichendorff gelebt hat. Das Lied erscheint eher sanft und geheimnisvoll und hat keine treibenden Rhythmen wie der Song zuvor. Musikalisch lädt der Track eher zum Träumen ein und verleiht dem Gedicht ‚Stanzas for music‘ einen melancholische Touch. Dieser wird durch ein sanftes Interludium verstärkt, allerdings scheint sich in diesem musikalisch auch ein wenig Spannung aufzubauen. In der letzten Strophe erhält der Song dann auch hintergründig eine eigenartig-elektronische Note, die die ersten Strophen nicht erhalten hatten. Auch hier wird die zweite Strophe dann wie ein Refrain nochmals wiederholt und verleiht dem Gedicht schließlich Lied-Charakter. Der französische Song „Monteclair“, der von einem anonymen Schriftsteller aus dem Anfang des 14. Jahrhunderts stammt, ist schon auf Grund der Sprache viel beschwingter als es noch zuvor das altmodische Englisch war. Auch musikalisch ist der Song beschwingter, wobei die Beats und andere elektronische Elemente eher im Hintergrund bleiben, sodass Sigrids Gesang das Lied beinahe alleine trägt. Auch hier wird ein Part als Refrain genutzt, der im Ursprungstext eigentlich nur ein einziges Mal vorkommt.

Vom Mittelalter geleiten Qntal dann mit „Echo“ in die Moderne. Mit Markus Heitz „Echo“ wird ein anderes, düsteres Genre in das Album eingebunden, das thematisch zur Nachtblume wunderbar passt. Auch musikalisch wird sich der Düsternis angepasst und so bleiben die Klänge eher verhalten und unterschwellig, aber dennoch bedrohlich. Ein Gefühl von bedrohlicher Nacht schleicht sich aus den Musikboxen, während der Wandersmann in der Schlucht verschwindet und nur noch sein Echo zu hören ist. Nach so düsteren Tönen, schlägt Qntal aber auch wieder fröhlichere Melodien an. Mit „Parliament of Fowls“ wird es zumindest auf musikalischer Ebene wieder rhythmischer und tanzbarer, während ein treibender Beat den mehrstimmigen Gesang begleitet. Das Gedicht hat ebenfalls nur drei Strophen und stammt von Geoffrey Chaucer aus dem 14. Jahrhundert. Es scheint ein Lied zu sein, um tanzenderweise den Frühling zu begrüßen, was auch durch die hohen Flötentöne in den Interludien zum Ausdruck kommt.

Qntal auf dem Amphi Festival 2015

Im Anschluss findet sich ein Stück aus der Carmina Burana, das von Sängerin Mariko gesungen wird. Erstaunlicherweise unterscheiden sich die beiden Stimmen der Sängerinnen nur um wenige Nuancen, dennoch erkennt man bei „Chint“ Mariko heraus, wenn man die Band etwas besser kennt. So beschwingt, wie „Parliament of Fowls“ aufhörte, so rhythmisch und schnell geht „Chint weiter. In einer Mischung aus Mittelhochdeutsch und Latein besticht der Text mit einer rasant vorgetragenen Passage aus der Carmina Burana. Musikalisch wird der Text von schnellen elektronischen Klängen begleitet, die auch von Drehleier oder etwas ähnlichem untermalt werden. Das Lied lädt auf jeden Fall zum ersten Mal eindeutig zum Tanzen ein und hinterlässt den Höhrer in einer beschwingten Stimmung.

Die Beschwingtheit wird dann bei „Before the world was made“, das ursprünglich von William Butler Yeats aus dem 19./20. Jahrhundert stammt, vollkommen herausgenommen. Ruhige und geheimnisvolle Klänge verbinden sich mit Sigrids Gesang zu einem Song zum Träumen und Nachdenken. Auch in diesem Song werden einige Verse wiederholt, sodass sich ein Refrain-Charakter zu bilden scheint, doch die langen Interludien verbinden die einzelnen Strophen dann eher als lockere Einheit. Sanft bleibt es dann auch mit „O fortuna“, das ebenfalls aus der Carmina Burana stammt. Mit mehrstimmigem Gesang besticht der Song auf geheimnisvolle Art und Weise, die Lateinische Sprache tut ihr Übriges, um das Geheimnis des Liedes zu bewahren. Mit dem folgenden „Minnelied“ bleibt Qntal dann auch gleich im Mittelalter und nimmt sich einem Lied von Walther von der Vogelweide an. Er war einer der bekanntesten Minnesänger des Hochmittelalters und findet mit Qntal nun erneut ein Sprachrohr. Das Mittelhochdeutsch des Liedes mutet erst einmal merkwürdig an, doch ist die Botschaft auch dann klar, wenn man nur ein paar Vokabeln des Mittelhochdeutschen kennt. Untermalt wird das Lied mit sanften Tönen und treibenden Beats, die nur einen oberflächlichen Eindruck davon erwecken können, wie sich das Lied wohl zu seiner Zeit angehört haben mag.
Mit „Summervar“ von Ulrich von Lichtenstein, der im 13. Jahrhundert lebte, wird dann eher ruhig der Sommer begrüßt. Sprachlich bleibt der Song im Mittelhochdeutschen, doch klingt er ganz anders als noch das „Minnelied“ zuvor. Die erste Strophe wird dabei als Refrain genutzt und einige Verse werden wiederholt. Zweistimmiger Gesang besticht zwischenzeitlich und auch die musikalische Begleitung findet in Interludien immer mal wieder ihren Raum, sich zu entfalten. Das letzte Lied auf dem Album heißt „A chantar“, ist das einzige Stück, das ursprünglich von einer Frau geschrieben und gesungen wurde und hat sogar eine überlieferte Melodie. Beatriz von Dia gilt als bedeutendes Gegenstück zu den Minnesängern des Mittelalters und beschreibt die höfische Liebe aus weiblicher Sicht. Der Song beginnt mit Tönen eines Saiteninstruments, untermalt mit Flöten und treibenden elektronischen Beats. Die Gesangsmelodie wurde dabei von der überlieferten Melodie übernommen und etwas beschleunigt, sodass sie an die elektronischen Klänge angepasst wurde. Zwischen den Strophen gibt es lange Interludien, die besonders durch das belebende Flötenspiel bestechen. Klingt das Original noch irgendwie traurig, wird aus der Qntal-Interpretation ein fröhlicher Song daraus.

Fazit: Qntal haben es wieder einmal geschafft, literarische Geschichte in moderne Songs zu pressen, ohne dabei gezwungen zu wirken. Natürlich sind viele der Texte als Gedichte konzipiert oder die ursprünglichen Melodien sind nicht überliefert, aber Qntal setzen die mehr oder weniger alten Texte so um, als wären sie niemals anders vertont worden. Besonders aber „A chantar“ besticht durch seine Historizität und die Umsetzung der überlieferten Melodie. So wird ein Stück Geschichte wieder zum Leben erweckt und bleibt damit erhalten.
Musikalisch führt Qntal das weiter, womit sie bereits in älteren Alben begonnen haben. Sie kombinieren sanfte Melodien von Flöten und diversen Saiteninstrumenten mit elektronischen Klängen und treibenden Beats, wobei die Elektronik häufig im Fokus steht. Dennoch zieht sich durch das gesamte Album ein melodiöser Faden, der alle Titel miteinander verbindet, ohne dass die Songs einander zu sehr ähneln. Schade, dass nur zwei Songs dabei so flotte Rhythmen erhalten haben, dass sie zum Tanzen einladen, allerdings würde dies wohl auch nicht zum Setting der Nachtblume passen, weswegen man in der Hinsicht ein Auge zudrücken kann. Man darf nun gespannt sein, welche musikalisch-literarischen Ergüsse sich mit Qntal noch erwarten lassen.