Seit sechs Jahren sind die Krähen aus Ludwigsburg nun schon musikalisch unterwegs. Nach dem Debutalbum “Auf dunklen Schwingen” und dem nachfolgenden Silberling “Tenebra” hat die Band Krayenzeit dieses Jahr im Oktober noch einen Kracher auf ihre Discographie oben drauf gelegt. “Von Mond und Schatten” ist bereits am 27.10.2017 via Oblivion erschienen und konnte bereits auf diversen Festivals und Konzerten live überzeugen. Im kommenden Jahr geht es dann mit Harpyie auf eine gemeinsame Clubtour, die die geballte Vogel-Power zum Vorschein treten werden lässt.

Das aktuelle Album der Krähen beginnt mit einem kurzen “Intro”, das sehr mystisch und geheimnisvoll anmutet. Beinahe wird der Eindruck erweckt, dass Krayenzeit eine andere, eine ruhigere Richtung eingeschlagen hat. Das folgende “Spieglein, Spieglein” jedoch reißt einen sofort aus dieser mythischen Illusion. Man wurde lediglich im ‘Spiegelwunderland’ willkommen geheißen. Die Krähen führen in diesem Song mit jaulenden Gitarren und klarem Gesang in die Schneewittchen-Welt. Die Drehleier unterstützt den Track dabei eher unterschwellig, kommt aber in den Interludien mehr zum Tragen. Anders ist es bei “30 Silberlinge”. Zwar dominieren hier auch eher die Gitarren, doch Drehleier und Geige spielen von Anfang an eine tragende Rolle. Insgesamt kommt das Lied auch noch rasanter daher und lädt zum Tanzen ein. Gesanglich wirken die Tracks schon jetzt ausgereifter, wenn auch in manchen Tonlagen ein Vergleich zu Saltatio Mortis Sänger Alea unausweichlich ist. Sänger Markus Engel schafft es aber dennoch seine eigene Stimme während der Songs gut anzubringen. So auch besonders bei der ruhigen Ballade “Am Leben”, die von sanftem, akustischen Klang lebt. Seichte Töne laden zum Träumen ein, während Markus und Jessica in einem kraftvollen Duett versinken zu scheinen. Der Song ist auf Grund seiner ungewöhnlichen Ruhe eine harte Zäsur zwischen den ersten und den folgenden Tracks.

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Krayenzeit als Support von Schandmaul 2017

Das folgende “Wir sind die Sünde” schlägt nämlich wieder in genau die andere Richtung. Hämmernde Drums verbinden sich im schnellen Rhythmus mit sanfter Geige zu einem ungewöhnlichen Mix, bei dem man sich nicht so genau entscheiden kann, ob man nun headbangen oder tanzen möchte. Während die Strophen dann doch wieder mit ruhigerem Gesang bestechen, zieht das Tempo im Refrain und den Interludien ordentlich an. Die “Krähenkönigin” hingegen fängt den Hörer hauptsächlich durch die Töne der Drehleier ein, während Drums und Gitarren zunächst im Hintergrund bleiben. Später bestechen die Gitarren durch harte Riffs und untermalen den Gesang, der im Refrain mehrstimmig wird. “Blut von meinem Blut” dagegen zeigt endlich auch, dass die Geige im Vordergrund stehen kann, während die Gitarren sie durch das lange Intro tragen. Während der Strophen tritt die Musik beinahe komplett in den Hintergrund, sodass man dem Gesang wie einer Geschichte folgen kann. Der Refrain beißt sich dann allerdings schnell im Gehörgang fest und lässt sich schon nach wenigem Hören lautstark mitsingen. An manchen Stellen hat man nur leider das Gefühl, dass die Musik nicht so ganz zum Gesang passen will.
Mit “Nirgendmeer” findet sich die zweite Zäsur und damit die zweite Ballade auf dem Album. Die ruhigen Töne wirken traurig und auch der Gesang erzählt nicht wirklich von fröhlichen Tagen. Eine melancholische Grundstimmung, die aber keinesfalls hoffnungslos scheint, macht sich breit. Schön ist zweifelsohne, dass der Song durch den Gesang lebt und Engels Stimme sich voll entfalten kann. Durch das harte Intro von “Ikarus”, das mit Flöten begleitet wird, wird die melancholische Stimmung sofort wieder zunichte gemacht. Man soll schließlich keine Träne vergießen, sondern sich in eine andere Geschichte träumen. Der Ruf nach Freiheit im alten Gewand der Sage um Ikarus wird hier nochmal neu interpretiert. Doch irgendwann kommt der Absturz, der im Song durch eine Wiederholung des Refrains in mehreren Tonlagen zur Geltung kommt. Im Anschluss wird es zumindest musikalisch mit Flöte, Geige und harte Gitarren wieder schneller und fröhlicher. “Kein Engel” passt zum Ikarus-Thema, berichtet allerdings vom Lucifer-Sturz und dem brennenden Firmament. Mit Mittelalter-Rock kann man dramatische Themen also durchaus in nicht-dramatische Musik kleiden, ohne dass es großartig auffällt. Dadurch muss man sich aber auch auf den Text besonders einlassen und kann den Song nicht einfach so achtlos nebenher laufen lassen.

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Krayenzeit als Support von Schandmaul 2017.

Ähnliches gilt für “Du bist mein Henker”, das durch die ‘mittelalterlichen’ Klänge lebendig wirkt, thematisch aber eher dramatisch wirkt. Ein einsamer Galgen für die Krähen führt auch auf das Hauptthema der Band zurück. Der folgende Song führt jedoch direkt wieder in die Welt der Sagen und Legenden. Mit “Orpheus” kehrt man zurück in die griechisch-römische Mythologie. Ruhige Gitarrenklänge und langsame Drums tragen den Gesang zunächst daher, bis die Musik fordernder wird. Hier fühlt man die Dramatik des Inhalts auch in der Musik, die einen Spannungsbogen zu ziehen scheint. Einen wütenden Unterton in der Musik meint man auch in den Riffs bei “Die Wut” zu hören. Hier passt Musik und Gesang sehr gut zusammen und scheint trotz des Themas zu harmonisieren. Das “Tagelied” hingegen ist das dritte ruhige Lied auf dem Album. Leise Cister-Töne vermischen sich mit emotionengeladenem Gesang, der zum Träumen einlädt. Eigentlich wäre dieser Track perfekt, um “Von Mond und Schatten” träumerisch und emotional zu beschließen. Stattdessen schlägt die Band mit “Vogelhochzeit” nochmal in eine ganz andere Kerbe. Das Lied hat nichts mit dem bekannten Volkslied zu tun und Vögel sind auch irgendwie eher Nebensache. Geht es um vögelnde Vögel? Ja, das wäre möglich. Darauf schließt man jedenfalls wegen der eingespielten ‘Dokumentation’. Ein lustiges Lied, das nochmal von Humor, Musik und gutem Gesang strotzt, doch wirkt es nach der schönen Ballade irgendwie fehl am Platz. 

Fazit: Insgesamt schließt sich “Von Mond und Schatten” genau da an, wo “Tenebra” aufgehört hat. Musikalisch und gesanglich wirkt die Band weiterentwickelt. Nachdem Krayenzeit nun schon einige Wechsel der Besetzung durchmachen musste, präsentieren sich die Krähen mit diesem Album als stabile Band mit großem Potenzial. Hatte man bereits bei den letzten beiden Silberlingen das Gefühl, man könne von dieser Band Großes erwarten, hat man dies jetzt erst recht. Die Welt des Mittelalter-Rocks hat definitiv einen neuen Mitspieler bekommen, der vollkommen mit offenen Karten all seine Trümpfe ausspielt und sich stetig neu erfindet. Krayenzeit haben längst ihren eigenen Stil gefunden, sind musikalisch und gesanglich aber auch entwicklungsfähig. Fans des Genres sollten sich die Band auf Platte oder gar live einmal zu Gemüte führen. Wir werden wohl noch länger etwas von Markus Engel und Co zu hören und zu sehen bekommen.