Unzucht – Neuntöter – CD-Rezension

Zwei Jahre ist es nun her, dass Unzucht ein neues Album auf den Markt gebracht hat. Nach drei Alben bei NoCut wechselten die Hannoveraner das Label und haben nun in diesem Monat ihr viertes Studioalbum via Out of Line veröffentlicht. Es trägt den Titel „Neuntöter“ und erschien bereits am 02. September. In diesem Jahr erschien bereits die Single „Kettenhund“, die den Fans der Band einen Vorgeschmack auf das Album bieten sollte. Nach einigen Festivals wie beispielsweise dem Feuertal Festival (-> wir berichteten), brannten die Unzucht-Anhänger darauf, die neue Platte endlich in den Händen halten zu dürfen. Nun sind bereits einige Wochen seit der Veröffentlichung ins Land gezogen und die ersten eindeutigen Ergebnisse zeigen sich auch in den Charts. Der „Neuntöter“ stieg auf Platz 16 in den Albumcharts ein und wir sagen euch nun, ob dieser Platz berechtigt ist und was das Album zu bieten hat.

Der erste Track „Der dunkle See“ beginnt mit beißenden Gitarrenriffs, die einem zunächst die Ohren ordentlich durchpusten. Ein recht langes musikalisches Intro leitet über zum ruhigen Gesang, der mit einem düsteren Nachhall ausgestattet wurde und von seichtem Klavier begleitet wird. Die harten Gitarren dürfen dann im Interludium aber wieder zu Wort kommen und bieten dem Hörer etwas Zeit, die Zeilen zu verarbeiten. Tiefsinnig und melancholisch liegt der See nicht nur in der Seele sondern auch auf den Ohren der Hörer. Mit Songs wie „Widerstand“ oder „Kettenhund“ werden einem Sounds geboten, die es sowohl musikalisch als auch gesanglich inunzucht_by_antonio_garamendia_02 sich haben. Verzerrter, aggressiver Sprechgesang wechselt sich von Zeit zu Zeit mit melodischem Gesang ab und bietet Abwechslung. Ein Auf und Ab gibt es auch zwischen den Songs, denn mit „Lava“ kommt zumindest das Ohr zur Ruhe. Kopf, Herz und Seele werden von den seichteren, rockigen Klängen und besonders dem Text weiter in Atem gehalten.

Noch ruhiger wird es bei „Hinter Glas“, in denen die Gitarren zunächst vollkommen schweigen. Die melodiöse Hintergrundmusik und Daniel Schulz‘ Gesang erwecken ein Endzeitszenario in den Tiefen des Geistes. Wieder laut und unberechenbar wird es dann mit „Ein Wort fliegt wie ein Stein“, in dem auch wieder die zweite, raue Stimme von Daniel De Clercq passend zum Einsatz kommt. Das Thema des Tracks steckt schon im Titel, denn manchmal schmerzen Worte einfach mehr als es ein geworfener Stein es je könnte. Von Verrat erzählt dann auch „Judas“ und zum ersten Mal wird es auf diesem Album ein bisschen biblisch. Wie eng Verrat und Vertrauen nebeneinander liegen, ist manchmal schwer zu erkennen, aber musikalisch mit elektronischen und rockigen Klängen umgesetzt, wird das Thema von einer ganz neuen Seite gezeigt. Dann erst folgt der Titeltrack des Albums „Neuntöter. Der Neuntöter ist ein Vogel, der seine Beute auf Dornen aufspießt. Klingt brutal und wird musikalisch auch genau so umgesetzt. Treibende, schnelle Beats und elektronische Untermalung gepaart mit dem unheilvollen zweistimmigen Gesang, erwecken ein Bild eines riesigen Endzeitvogels, der kleine Menschen in seinen Krallen zerreißt. Und am Ende müssen eben alle einmal sterben.

Ist die Apokalypse überstanden und man hat wenigstens sich und seine Liebsten, erscheint alles friedlich. Der Song „Schlaf“ ist im Gegensatz zu den anderen Tracks zumindest thematisch etwas anders. Textlich und musikalisch immer noch
melancholisch, gibt es hier aber immerhin einen Hoffnungsschimmer und das Versprechen, immer für einander da zu sein, die Ängste und die Sorgen zu teilen, um am Ende das Leben gemeinsam zu schultern. Das kleine Fünkchen Ruhe wird mit „Piotrek“ dann wieder zunichte gemacht. Wenn man alles gegeben hat, aber nie etwas zurückbekam, dann kommen einem solche Gedanken wie in diesem Song beschrieben. Manche Träume bleiben Träume und wenn man erwacht ist man wieder allein mit zersplitterter Seele. Wenn einem aber nicht ein solcher „Splitter“ zu tief in der Seele steckt, kommt es bei so manchem zur „Parasomnia“. Von Träumen verfolgt, im Schlaf gestört und das ganze verpackt in unzüchtige Klangwelten. Im Refrain wird es hierbei sogar ein wenig poppig. Dieser Song gehört bereits wie die Folgenden bereits zum Bonus der Deluxe Edition.

Dieser Bonus endet dann mit der Ballade „Tränenmeer“ und dem Song „Das Lächeln der Gewinner“. Beide Tracks könnten melancholischer nicht sein, doch Letzteres beschreibt die aktuelle Weltsituation ziemlich gut. Die ganze Welt scheint sich immer schneller zu drehen, während man sich selbst mit der Geschwindigkeit überfordert fühlt. Man wird von Erinnerungen fortgerissen, doch mit dem, was man danach erreicht, bleibt man auch nicht ewig glücklich. Also wird gekämpft und gelächelt als wäre nichts geschehen. Hat man sich dann von der Songgewalt des Albums erholt, erwarten einen auf der Deluxe-Edition noch „Widerstand feat. Dave Grunewald“, der seine Growlingparts gekonnt einsetzt. Auch „Ein Wort fliegt wie ein Stein feat. Chris Harms“ bekommt mit seiner tiefen, kratzigen Stimme eine ganz neue Note. „Ein Tag wie jeder andere (Robert Andrew Bowman Remix)“ verwandelt den Track der Single „Kettenhund“ in ein futuristisches Elektronik-Gebilde, das einen völlig neuen Song entstehen lässt.

Fazit: Insgesamt lässt sich zum „Neuntöter“ eigentlich nur sagen, dass die Unzucht hier wirklich alles richtig gemacht hat. Durch die teilweise harten Gitarren, vergisst man manchmal die melancholischen Texte, sodass man nicht (wie es bei melancholischen Songs doch oft der Fall ist) in einem Loch versinkt. Befindet man sich bereits in einem solchen Loch, schafft es die Unzucht, einem ein Rettungsseil zuzuwerfen und zu sagen: „Du bist nicht allein!“
Auch musikalisch hat sich die Band durchaus weiter entwickelt. Dass zwischen dem letzten Album und diesem neuen Werk zwei Jahre liegen, hat sich gelohnt. Für mich persönlich klangen „Venus Luzifer“ und „Rosenkreuzer“ teilweise einfach zu ähnlich, doch dieses Gefühl hatte ich bei „Neuntöter“ kein einziges Mal. Ich hätte mir allerdings gewünscht, dass von „Widerstand“ und „Ein Wort fliegt wie ein Stein“ nur die jeweils letzte Version auf dem Album wäre, weil diese mich einfach mehr mitreißen. Aber das ist natürlich wie immer Geschmackssache. Der Platz 16 der deutschen Albumcharts ist aber auf alle Fälle verdient!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.