Schon seit Mitte der 1990er erfreut sich das italienische Projekt The Frozen Autumn einer großen Beliebtheit in wave-orientierten Venues und Goth-Clubs. Kühl und mit einem Hang zur Melancholie schuf man den einen oder 

anderen Evergreen. Nach einer dreijährigen Schaffenspause meldet sich das Duo mit dem Neuling „The Fellow Traveller“ zurück. Seit dem 3. November ist das Werk erhältlich.
Mit dem Song „Tomorrow’s Life“ beginnt die Reise. Es handelt sich dabei um einen äußerst soliden Start. Nachhallende, sirenenartige Klänge geben den Ton an und gewohnt kühle Synths treiben das Gefährt vorwärts. Auffällig ist eine dezidiert EBM-orientiertere Produktion. Perkussiver und futuristischer wirkt die Präsentation; zugleich knüpft man an alte Erfolge an. Man entsinnt sich in der Struktur klassischer Tracks wie „Ashes“. Spätestens beim Hook dürften alteingesessene Fans an Land gezogen sein. Der Album-Opener würde sich somit perfekt als Single-Auskopplung eignen – natürlich rein hypothetisch gesprochen, da das Duo nicht wirklich für das Veröffentlichen von Singles bekannt ist.

Es folgen zwei Tracks, die bereits auf der 2014 erschienen EP „Lie in Wait“ zu hören waren. „White On White“ drosselt die durch den Vorgänger an den Tag gelegte Geschwindigkeit und besticht durch einen wohlbekannt eisigen Touch. Schwebend schreitet man voran und lässt sich treiben. Ein solider Downtempo-Track von Arianna aka. Froxeanne. „We’ll Fly Away“ verdeutlicht eines der Hauptprobleme des Albums: die Balance im Soundmixing. Diego Merlettos Vocals driften teils etwas belanglos neben einer beatstarken Komposition dahin. Lyrisch orientiert man sich auch alter Thematiken. Die eröffnende Textpassage „We can stay and lie in wait forever“ ruft klassische Nummern wie „Wait For Nothing“ in Erinnerung. Die Selbstreferenz erweist sich als ein netter Touch, der Klang mag jedoch nicht vollkommen überzeugen. Man spielt etwas zu sehr auf der sicheren Seite.
„Told You At Once“ erweist sich ebenfalls als inessenziell. Hier wird jedoch effektiv mit dem Reverbeffekt umgegangen. Wenn Froxeanne „I am no-one’s, told you at once“ konstatiert, tut sie dies mit einer resoluten Latenz, die der Aussage mehr Ausdruck verleiht. Etwas schade ist jedoch, dass das Gesamtprodukt sich nicht auf dem selben Level wie diese vokale Darbietung befindet. Auffallend ist die Absenz der melodiösen Atmosphäre, die seit jeher ein Trademark des Duos war. In „The Fellow Traveller“ wurde diese scheinbar zugunsten tanzorientierter Elemente geopfert; Vocals driften auf einer zunehmend einseitigen Oberfläche. Hie und da wird der Status Quo durchbrochen – zum Beispiel durch die  melodisch-schlängelnde Intonation seitens Froxeanne in der einwandfreien Ballade „A Gentle Flame“ – doch der allgemeine Mangel an Melodien mit Wiedererkennungswert offenbart nicht ausgeschöpftes Potenzial. Etwas generisch wirkt dadurch die eine oder andere Komposition.

„Grey Metal Wings“ präsentiert den Versuch eines Futurepop-Floorfillers. Erneut ertrinkt Merlettos sonst sonore Stimme inmitten des üppigen Synthesizer-Arrangements. Fast 8 Minuten nichtssagender Dramatik vergehen. Deutlich stärker und einprägsamer wirkt der Nachfolger „Sirens And Stargazers“. Satte Synthkaskaden und bedrohliche Tiefen lassen auf Abenteuer im Weltall vermuten. Einstweilen zieht Froxeanne lyrische Schleifen und stellt ihr melodiöses Talent unter Beweis. Kontinuierlicher Niederschlag und eine dramatische Latenz in der vokalen Delivery verleihen dem Song eine charmante Note. „The Twin Planet“ mäandert in einer drögen Manier dahin. Merlettos Vocals wirken gelangweilt, der etwas zu großzügige Umgang mit dem Reverb-Effekt tut sein Übriges. „I Love You But I’ve Chosen Synthesizers“ weckt aufgrund des humorvollen Titels Interesse, kann dieses jedoch nicht lange halten. Eine weitere Disco-Nummer, die sich kaum von den anderen auf diesem Album abheben kann. Den Abschluss macht ein beinahe narkoleptisches Cover des David-Bowie-Klassikers „Loving The Alien“. Es handelt sich dabei um keinen Komplettausfall, das Arrangement ist kompetent und Diego Merlottos Stimme wirkt angenehm, wenngleich sie hier das Zurückhalten eines Gähnens vermuten lässt. Eigenartig scheint auch die Wahl eines Covers als Closer des Albums.
Fazit: Etwas willkürlich wirkt die Struktur des neuen Werkes, abgesehen von dem konstanten Wechselspiel zwischen Merlettos und Froxeannes Vocals. Mit Ausnahme des Openers ist hier auch zu vermerken, dass die stärkeren Nummern eindeutig auf Froxeannes Seite fallen. Diese sind im Schnitt kürzer, prägnanter und Unterstreichen Ariannas vokale Fähigkeiten. Merlettos Stärken bleiben hingegen im Zuge der tiefenintensiven und rhythmusorientierten Produktion an vielen Stellen hinter Bergen an Beats und wuchtigen Synthesizergemengen verborgen. Auch auf die Gefahr, hier mit gebräuchlichen Floskeln um sich zu werfen, aber „The Fellow Traveller“ dient an einigen Stellen als geeignetes Fallbeispiel für die Weisheit „Less is more“. Dies bezieht sich nicht nur auf das aufgestockte Synthie-Sortiment, sondern auch auf die Länge des Albums. Spielzeiten von einer Stunde oder mehr sind keineswegs ein Novum bei The Frozen Autumn, frühere Werke wie das fulminante Debüt „Pale Awakening“ oder „Emotional Screening Device“ verliehen diesen durch ihre konzeptartige Struktur und einzigartige Atmosphäre jedoch eine verdiente Daseinsberechtigung. „The Fellow Traveller“ hätte bei einer Stunde und vier Minuten, sowie dem einen oder anderen Filler jedoch eine Kürzung bitter nötig.
Zusammenfassend lässt sich das neue Album als eine gemischte Tüte bezeichnen. Während der inflationäre Umgang mit unterschiedlichen Klangebenen teilweise zu einem Einbüßen des atmosphärischen Anspruches führt, beweist man mit der Reise in dance-lastigere Gefilde durchaus etwas Mut. Mangelt es Merlettos Songs teils an einer melodiösen Qualität, können Froxeannes Songs stellenweise mit dem Vokalen Schwung, den man von The Frozen Autumn gewohnt ist, punkten. Songs wie „A Gentle Flame“ und „Sirens And Stargazers“ fügen sich problemlos in eine Liste bestehend aus The Frozen Autumn Klassikern ein und „Tomorrow’s Life“ wagt einen nahtlosen Übergang von der vergangenen „Chirality“-Ära in das aktuelle Schaffen. Das bestehende Potenzial wurde nicht an jeder Stelle erfüllt, es handelt sich hierbei jedoch nur um einen minimalen Fehlschritt in einer bis dato sehr löblichen Diskographie. Das mag der Hoffnung auf zukünftiges Material jedoch nicht schaden.