Der Kulttempel in Oberhausen ist in der schwarzen Szene als Location nicht mehr weg zu denken. Schon viele atemberaubende Konzerte fanden in diesen Hallen statt. So auch am 23.12.2017. Kurz vor Weihnachten sollte es noch einmal geballten Elektro auf die Ohren geben. Zahlreich versammelte sich das elektrogeneigte Publikum vor der Location und wartete schon ein wenig ungeduldig vor den Hallen. Kein Wunder, denn für viele wurde Weihnachten mit diesem einzigartigen Konzertabend einfach vorverlegt.
SITD beehrten die Besucher mit ihrem Heimat:Ritual Gig und wollten damit die Vorweihnachtszeit auf ihren Höhepunkt bringen. Zuvor war es jedoch Zeit, zwei nicht unbekannte Gesichter der Szene live zu erleben. Pünktlich um 21 Uhr begann das elektronische Spektakel mit der Bochumer Band ES23. Mit tatkräftiger Unterstützung riss die Kombo um Frontmann Daniel den Kulttempel nieder. Das aktuelle Album „Erase My Heart“ wurde voller Elan und Stolz präsentiert. Die ehrenvolle Aufgabe, das Publikum in eine feierwütige Partytruppe zu verwandeln gelang ohne große Schwierigkeiten. Es wurde Mitgesungen, getanzt und auch rhythmisches Klatschen durfte nicht fehlen; genauso wenig wie die beliebten Tracks „Erase My Heart“, „No One Return“ und „Wake Up“. Der Auftakt war bestanden und viele der Besucher hätten noch gerne weiter den elektrisch, rhythmischen Klängen von ES23 gelauscht. Kein Wunder, denn tontechnisch, als auch in der Performance konnte sich der Auftritt sehen lassen und bot all das, was zu einem vernünftigen Konzertabend dazu gehört. Doch ES23 waren nur der Anfang.

Mit deftigen, satten und ordentlichen Bässen ging es heiter weiter. Praktischerweise sind bei solch einer elektrolastigen Nacht die Umbaupausen recht kurz und überschaubar. Deswegen wunderte es nicht, dass Noisuf-X pünktlich die Bühne betraten. Auch sie hatten im Kulttempel ein Heimspiel. Nun konnten die Besucher das Essener Mastermind beobachten, wie er, mit seinem Kollegen, wie von Sinnen auf ihre Instrumente einpreschten. In den Liedern selber sind Lyrics Mangelware, dies rissen sie aber mit einer wuchtigen Ladung Noise Sound wieder raus. Im Hintergrund begleitete eine Bildershow den Gig. Manch einer meinte, sie würden nicht in das abendliche Programm passen, viel zu laut und zu viel Wumms. Doch mal ganz unter uns: kann es eigentlich zu viel Wumms geben? Jedenfalls genossen mehrere hunderte Leute das Konzert von Noisuf-X und kamen mit den elektrisch lauten Kompositionen gut zurecht. Ein Schmunzeln brachte der Beginn von „Banzai“ in die Gesichter der Besucher, gefolgt von wilden Bewegungen, um der Musik auch vollen Eintritt in den Körper zu gewähren. Elektroherzen flatterten vor allem höher als die ersten Töne von „Warning“ erklangen. Viel zum Gig an sich gibt es nicht zu sagen. Auch hier war der Ton einwandfrei und Noisuf-X lieferten feinste Musik, die aus persönlicher Sicht gut hineinpasste. Viele werden feine Vocals oder ruhigere harmonische Klänge vermisst haben. Wer jedoch gut darauf verzichten konnte, der hatte die Gelegenheit, sich einfach mal das Hirn frei bassen zu lassen.

Als es still auf der Bühne wurde und die Hintergrundmusik wieder den Kulttempel unterhielt, wurde es Zeit, noch einmal frische Luft zu schnappen oder schnelle Gänge zur Theke zu erledigen, denn nun war es endlich soweit. Um 23:00 Uhr betraten die Herren von SITD die Bühne und beehrten das Publikum mit ihrem [Heimat:Ritual]. Dank ES23 und Noisuf-X war die Masse schon heiß gelaufen. Nichts konnte sie daran hindern, mit ihren Lieblingen zu feiern.
Auch SITD waren sichtlich bester Laune und konnten es ebenfalls nicht erwarten mit ihren Fans zusammen in den Heilig Abend zu starten. Weniger heilig dafür mit vielen Bässen, klangvollen Melodien und harmonischen Vocals gingen die Herren an den Start. Der Jubel in der Menge ließ nicht ab und ehe die ersten Klänge ertönten war der Jubel in Ekstase ausgebrochen. Als sie dann endlich auf der Bühne standen, konnte der Konzertabend den Höhepunkt erleben, der ihm gebührte. Mit einem bunten Mix aus Tracks von dem neuen Album „Trauma: Ritual“ und vielen liebgewonnenen Klassikern, umhüllten sie das Publikum mit einer schwermütigen, aber gleichzeitig auch ausgelassene Stimmung. Nachdenkliche Themen mit musikalischer Unterlegung waren an diesem Abend auch u.a. mit „Dunkelziffer“ gegeben. „Laughingstock“, „Zenit“ und „Rot“ sind nur eine kleine Auswahl an den Tracks, die gespielt wurden. Auf der Bühne gab es keine akrobatischen oder pyrotechnischen Leistungen zu sehen. Nur drei Männer mit der Leidenschaft, Musik zu machen und diese vor einem Livepublikum spielen zu wollen. Mehr bedarf es auch nicht für ein gutes Konzert und das bewiesen sie an diesem Abend. Mit jedem Track wurde die Luft dünner und auch der stärkste Fan war froh, später ein wenig frische Luft zu bekommen. Auch wenn dies hieß, dass die letzten Töne gespielt wurden. Mit einer Menge neuer Erinnerungen eines Konzertes mit einer ganz besonderen Konstellation, oblag es nun den Fans zu entscheiden was als nächstes passieren sollte. Nach Hause und das letzte Geschenk noch einpacken oder noch auf der Aftershowparty die Nacht zum Tag machen? Egal wie sich der einzelne entschieden hat, Fakt ist, dass der 23.12.2017 nicht so schnell vergessen wird und man hofft darauf, bald wieder eine solch spannende Konstellation zu sehen.

Ob ES23, Noisuf-X oder SITD, alle drei Acts haben es geschafft, das Publikum zu begeistern. Manch einer beklagte die Mischung, doch die meisten freuten sich sehr über diese leicht experimentelle Mixtur. Was an diesem Konzert besonders hervorkam war die Nähe zu den Fans. Auch die Musikmaschinerie mit ihren ganzen inoffiziellen Richtlinien, man müsse den Fans auch noch was anderes bieten als Musik, war ganz weit weg. An diesem Abend reichte es vollkommen aus, großartige Künstler der Szene live auf der Bühne zu sehen. Das Publikum war auch von Anfang an bei den Künstlern. Niemand stand starr in der Ecke und schaute panisch auf die Uhr und hoffte, dass bald der Mainact beginnt. Im Gegenteil: die Fans hatten so enorme Freude an den Gigs, dass bei der Mehrheit der Masse auch das Handy in den Taschen blieb und somit für 100%igen Konzertgenuss gesorgt wurde. Für 25 Euro an der Abendkasse war der Abend auch für den Studenten erschwinglich und es wurde schließlich auch einiges geboten.