Zum dritten Mal in Folge fand im Schwechater Multiversum das Schattenwelt Festival von Freitag, den 10. November bis Samstag, den 11. November 2017 statt. Das Erscheinen so manch eines EBM-, Darkwave-, Synthpop- oder Aggrotech-Fans verpasste somit der nüchtern gehaltenen Messehalle in der Nähe von Wien einen schwarzen Anstrich. Zwei Tage mit insgesamt 14 Acts, Kleidungs- und Tonträgerständen, einer Make-up-Künstlerin sowie einer kleinen Ausstellungsfläche, DJ Floor und gastronomischer Verpflegung versprach das Programm des Festivals. 

Tag eins, Ankunft kurz vor 17 Uhr: Nach einer unvorhersehbaren Verzögerung wurde die Eingangshalle des Multiversums erreicht. Eine kleine, überschaubare Menge stand noch bei der Abendkasse an. Am Tisch nebenan lagen süße Begrüßungsleckereien bereit. Die heimelige Atmosphäre würde sich wenig später auch nahtlos auf den Stagebereich übertragen. Dem Plateau entlang, vorbei an einer 425twins_11_by_zouberi-dbttj2sVerzweigung mit Kleidungsständen und kulinarischer Verpflegung (Wiener, oder Frankfurter wie sie hierzulande heißen, sowie fleischlose Alternativen) führte der Weg zu einer von tribünenartigen Sitzplätzen umgebenen Treppe, die in das musikalische Geschehen leitete. Noch waren vor der Bühne kaum mehr Personen als soeben im Eingangsbereich versammelt. Nichts desto trotz wartete man gespannt auf den folgenden Act. Da wir die allererste Band, Terminal State, bereits verpasst hatten, handelte es sich dabei um die EBM-/Synthpop-Kombo 4:25 Twins.
Beatgetrieben, jedoch mit einem guten Quäntchen Pop-Sensibilität hielt man die kleine Gruppe vor der Bühne gekonnt bei guter Laune. Man kann den Zwillingen in der Tat keine Homogenität unterstellen: Pochende perkussive Elemente vermengten sich unter anderem mit einem durch Synths fingierten Piano, Sitar-artigen Klängen und auch die genreuntypische E-Gitarre kam zum Einsatz. Zeitweise erinnerte die Performance an die melodischen Strukturen von De/Vision. Man widmete sogar Ian Curtis einen Song. Gesanglich hielt man sich in einem angenehmen Timbre auf, das gewisse Parallelen zu Peter Heppner aufwies. Auch der eine oder andere Sisters Of Mercy-Einfluss kam zum Vorschein. Das Warm-Up war gelungen.

Die Linzer Truppe Pulse verschrieb sich ganz dem harschen, mit post-apokalyptischer Symbolik versehenen Image, welches in den EBM- und Aggrotech-Communties eine lange Tradition feiert. Mit einem ominösen Ambient-Intro und dystopisch-anmutenden Zitat-Visuals kündigte man theatralisch die bevorstehende Performance an. Zu stampfenden Beats wurde dramatisch gegrowled, futuristisches Get-up mitsamt obligatorischer Atemmaske schien durch den Kunstnebel. Der Lead-Vocalist, welcher optisch einem Hybriden aus einem gerüsteten Quarterback und einem Tiefseetaucher glich, trug seinen Part mit viel Enthusiasmus vor. Es bildete sich langsam vor der Bühne ein Gefüge, das sich zweifelsohne als Mitte bezeichnen lässt. Man wagte sich später auch an zwei Covers: Eisbrechers „Miststück“ und Peter Schillings „Major Tom“. Im bandeigenen Song „New Elastic Freak“ waren sogar Nu-Metal-Anleihen zu hören. Die Visuals im Hintergrund kündigten derweil Zeilen wie „I am Extinction Level Event“ an – was auch immer das bedeuten mag. Ungeachtet der eigenen musikalischen Vorlieben und Antipathien, ließ sich jedoch ein guter Rapport mit dem versammelten Publikum verzeichnen. Das Ende des Sets kulminierte in einem Gruppenselfie der Band mit ihren Fans.
Die Zeitintervalle zwischen den verschiedenen Acts konnten zur Erkundung der vor Ort untergebrachten Stände genutzt werden. Neben dem offiziellen Supporter der Veranstaltung, dem Fashion-Store Asmalia, waren auch diverse Kleinunternehmen, die Kleidungsstücke im Gothic-Stil, sowie EBM-Memorabilia und Kunsthandwerk anboten, vertreten. Die Auswahl war groß und verleitete gewiss die eine oder andere Person zum Stöbern. Eine besondere Erwähnung gilt hier dem Tonträgerstand in der Mitte des Plateaus. Neben CDs und LPs wurden hier auch Kassetten angeboten und man fand in dem Sortiment so manch eine obskure Perle. Bemerkenswert war hier auch die Bandbreite der angebotenen Tonträger: Die Auswahl reichte von Elektronik-Standards über Oldschool-EBM bis hin zu Gothic Rock und Post-Punk-Interpreten wie Eat Your Makeup und Paralisis Permanente. Auch ein Original-Tape von „Wake“, dem Erstling der Ethereal-Wave-Kombo Lycia war vorhanden.

Nach einer sauberen Performance zwischen Future- und Synthpop des Duos Ultranoire (nicht zu verwechseln mit der finnischen Kombo UltraNoire) betraten Faderhead die Bühne. Mit einer rhythmisch-dynamischen Performance wurde die Mitte sichtlich gut unterhalten. Im Hintergrund wurden visualisierte Lyric-Sheets ausgestrahlt, die graphisch auch mal HAL 9000 aus Kubricks „2001 Odyssee Im Weltraum“ in Erinnerung riefen. Etwas planlos und ungünstig formuliert fielen manche der Ankündigungen zu folgenden Songs aus, dem wurde jedoch mit einer energetischen Bühnenpräsenz entgegengewirkt. Sami Yahya und MC ließen es sich nicht nehmen, auch selber etwas das Tanzbein zu schwingen. Tracks wie „Generation Black“ und „Self Control“ verleiteten das Publikum, es ihnen gleich zu tun. Einstweilen wurden auch mal E-Drums mit physischen Chopsticks ausgepackt und die Visuals offenbarten Anti-Kriegsbotschaften. Man verkündete Basedrums seien „So 1999“, verbalisierte wie viel Spaß man bei dem Auftritt habe und erntete am Ende des Sets Rufe nach einer Zugabe.
Des Abends füllte sich auch der separierte DJ-Bereich mit wartenden und sozialisierenden Besuchern. Ob es sich dabei um die angekündigte „Chillout Area“ handelte, war schwer zu ermitteln, glich der Raum doch einer gut besuchten Disco an einem Samstagabend. In der Tat wirkte die Atmosphäre in dem gedrungeren Bereich des Multiversums belebter als im Stagebereich. Es wurde geplaudert, getanzt, getrunken – vom Floor aus dröhnten beatlastige EBM Tracks. Der Eindruck, dass eine kleinere Venue für die Eventreihe geeigneter wäre, machte sich breit.

Mit einem gewohnt ominös anmutenden Intro trudelten nach und nach schließlich die Mitglieder des niederländischen Wave-Projektes Clan Of Xymox ein. Keineswegs überraschend, aber nicht minder zufriedenstellend dann die Erkenntnis, dass es sich um die Einleitung des Klassikers „Stranger“ handelte – als Opener nie fehl am Platz. Nach dem anfänglichen Schwelgen in der famosen 4AD-Phase gelang mithilfe der passenden Tonstufe der nahtlose Übergang in modernere Gefilde – es folgte „She Is Falling In Love“ aus dem 2014 erschienen Werk „Matters Of Mind, Body And Soul“. Mit „Loneliness“ ging die Reise dann „full circle“ und man erreichte den aktuellen Output. Mit der atmosphärischen Ballade „Louise“ navigierte man wieder gekonnt in die Sparte der Fan-Favoriten. Für so manch ein Gruftibein war dies ein Anlass zum Schwingen. Auch „Emily“ und die deutlich rockigere Nummer „Hail Mary“ konnten durch ihren Wiedererkennungswert punkten. Gefasst und professionell, jedoch keineswegs stoisch gab man sich auf der Bühne. Bandveteran Ronny Moorings äußerte sich wie gewohnt mit seinen kurzen und bündigen, jedoch stets verspielt-charmanten Bemerkungen. So wurde ein holländischer Scherz zum Titel „Cry In The Wind“ geteased, jedoch leider nie erzählt (die Feinheiten wären wahrscheinlich ohnehin in der clanofxymox_03_by_zouberi-dbttkh6Übersetzung verloren gegangen) und „Back Door“ mit einer Lebensweisheit verbunden. Mit „Jasmine & Rose“ packte man den nächsten Gassenhauer aus und erntete kinetische Resonanz. War der Soundmix in der ersten Hälfte des Sets noch etwas zu tiefenintensiv, wurde dieses Problem in der zweiten Hälfte jedoch behoben und die feineren Nuancen der Klangstruktur kamen hervor. Mit der Ankündigung, man müsse am nächsten Tag in München sein, wurde die letzte Nummer des Abends, die passenderweise den Titel „Farewell“ trägt und ironischerweise der Opener des gleichnamigen Albums ist, eingeleitet. Alles in allem ein gutes Set.

Bei Project Pitchfork dominierten wieder harschere Klänge den Stagebereich. Die angemessen angewachsene Menge applaudierte, tanzte, jubelte enthusiastisch mit, als die Kombo um die Zentralfigur und Vollzeitnebelkrähe Peter Spilles ihre Werke zum Besten gab. Mit dem Vorprogramm konnten die Heugabel-Helden allerdings nicht mithalten und man fragte sich, ob es nicht angemessener gewesen wäre, die Slots der letzten beiden Bands zu tauschen.
Zusammenfassend lässt sich der erste Tag des Schattenwelt-Festivals als der elektronisch-ausgerichtetere Tag bezeichnen. Der zweite Tag würde sich als dezidiert rocklastiger erweisen. Mehr dazu in unserem in Kürze erscheinenden zweiten Bericht.