Als Prophecy Productions Anno 2015 ankündigte, dass es zu Ehren des 20-jährigen Bestehens ein Jubiläumsfestival mit Hochkarätern aus eigenem Kader veranstalten würde, löste man eine Welle der Begeisterung aus. Fand das Event in der Erstauflage noch als Ein-Tages-Fest statt, wuchs man 2016 bereits zu einem Zwei-Tages-Spektakel heran und holte auch Label-übergreifend besondere Bands ins Line-Up. In diesem Jahr fand das Fest zu eigenen Ehren bereits zum dritten Mal statt und lockte erneut internationales Publikum ins beschauliche Balve im Sauerland, um im Kultur-Point Balver Höhle atmosphärischer und kunstvoller Musik zwischen zarten Piano-Klängen, Neofolk, Dark- und Post Rock und Black Metal zu lauschen. Die Kenner wissen nämlich: Bands im Aufgebot von Prophecy sind mal eher vom düsterem Gewand, mal spirituell und postmodern-metallastig. Die Geschäftsphilosophie liegt in der Vermarktung „einzigartiger Musik, die die Genregrenzen überschreitet und aus dem Rahmen fällt“ – und das stellte das Label auch am Wochenende des 29. und 30. Juli 2017 wieder unter Beweis.

Sun of the Sleepless-10Die hochwertige Detailarbeit und Stilistik, welche hier an den Mann oder die Frau gebracht wird, durfte man ja schon – wie in jedem Jahr – an der Gestaltung des Programmbuchs erkennen, welches nicht wie bei anderen Veranstaltungen zu einem kleinen Werbeheftchen verkommt, sondern hier als schickes Artbook samt Band-Compilation-CD daherkommt. Hatte das Label im ersten Jahr noch Tenhi-Musiker Tyko Saarikko und 2016 Fursy Teyssier von Les Discrets für die optische Aufmachung des gesamten Events gewinnen können, zeichnete sich diesmal der Künstler Irrwisch als Art Director verantwortlich, dessen einzigartige Kunstwerke auch im hinteren Höhlenteil ausgestellt wurden. Am Freitag sollte das Programm gegen 16 Uhr beginnen – und wie im vergangenen Jahr wurden die Wiesenanlagen neben der Kulturstätte auch wieder als Campingground genutzt, zu welchem nicht wenige Besucher bereits am Abend und in der Nacht von Donnerstag angereist waren. So versammelte sich die Besucherschaft am asphaltierten Straßenaufgang zum Vorhof-Gelände der Höhle, welche mit großen Planen verhangen war, aber schon von weitem mit Prophecy-Logo-Flaggen als „eingenommen“ erkennbar war. Für Erstbesucher war die Kulisse der Höhle sicherlich erneut eine ziemliche Augenweide, dazu die kalte, aber erhabene Optik beim ersten Betreten des Inneren, die hübsche Ausleuchtung.

Den Auftakt machte das britische Musikprojekt Nhor – mit Sicherheit nicht der bekannteste Eintrag im Kader von Prophecy, doch bereicherte man das Festival gleich zum Auftakt mit einem ganz besonderen Klang, nämlich dem eines Pianos. Zur zarten, melancholischen Musik erstellte die Künstlerin Jennifer Taylor live auf der Bühne ein Gemälde, welches später auf eBay verkauft wurde – für manche, die die Tonträger von Nhor kennen, war es allerdings eine Ernüchterung zu sehen, dass ausgerechnet zur Bühnen-Premiere des Projekts lediglich eine Show mit den Piano-Stücken, nicht aber mit den Black Metal-Ausprägungen von Nhor gab. Stimmen wurden auch laut, ob man Nhor nicht besser als Abendfinale hätte auftreten lassen sollen – und man wusste auch nicht so recht, wann denn nun die Stücke eigentlich vorbei waren, was sich darin äußerte, dass während des gesamten Kurzauftritts kaum Applaus zu hören war. Dieser fiel allerdings am Ende umso tosender aus. Etwas mehr Publikum lockten dann allerdings die Franzosen Soror Dolorosa als nächstes in die Höhle, welche mit ihrem abgebrühten Dark Rock, Gothic-haften Batcave-Vibes und The Sisters of Mercy-Touch auch einen Einblick in ihr neues Album „Apollo“ gaben.

Nicht wenige Besucher harrten im Nachhinein allerdings der Exhumierung eines alten Projekts entgegen: Die Rede ist von Sun of the Sleepless um den Musiker Markus „Schwadorf“ Stock, bekannt von Empyrium oder The Vision Bleak. Unter dieser Standarte erschien kürzlich die neue Platte To The Elements, beinahe 16 Jahre nach den letzten Lebenszeichen der Band in dieser Form. In den Jahren 1999 bis 2001 waren mehrere Demos, EPs und Splits erschienen – jetzt also die amtliche Renaissance, zu der auch u.a. Eviga von Dornenreich ins Ensemble aufgenommen wurde. Mit brennenden Fackeln, stimmigem Black Metal und zur Freude der Fans einem guten Mix aus alten und neuen Songs wurde der Gig zu einem ersten Highlight des Festivals. Nicht zuletzt auch wegen des herausragenden Songs „The Owl“ und eines überraschenden Gastauftritts von Eïs-Frontmann Alboîn, welcher zu „Thou Whose Face Hath Felt The Winter’s Wind“ die Vocals übernahm – genau der Song, der bereits auf dem 2012er „Wetterkreuz“ von ihm gecovert wurde und erstmals 1999 auf der ersten EP „Poems to the Wretches Hearts“ von Sun of the Sleepless veröffentlicht wurde.

Einen ihrer raren Live-Auftritte bescherten auch die Norweger Arcturus dem Festival, welche mit Arcturus-9ihrem mittlerweile sehr geeky anmutenden, progressiven „Space“-Black Metal auf der Bühne in der Balver Höhle standen. Die seltsamen Ansagen, die Verrenkungen und die Mimik von der Stimme ICS Vortex taten ihr Übriges, den Auftritt zu einem interessanten, wenngleich ein wenig komischen Eintrag in der Running Order 2017 zu machen – Songs vom 2015er Arcturian waren allerdings das Kommen mehr als wert. Das hier ist opulente, massive Musik, die überwältigt und den Boden unter den Füßen stiehlt, mit jedem Track. Manchmal merkt man dann schon gar nicht mehr, dass einige Gitarrenparts eigentlich leicht unterdrückt sind – und das oft gedrosselte Tempo verleiht den Songs anders, als man es erwarten würde, schlicht noch mehr Wucht in ihrer mitreißenden Art. Dazu kommt, dass man bei Arcturus einige DER Promis der norwegischen Metal-Szene bei der Arbeit bezeugen darf – neben Borknagar-Vokalist ICS Vortex auch Hellhammer an den Drums (bekannt durch seine Arbeit bei Mayhem, Covenant, Dimmu Borgir & Immortal) und Sverd, Skoll und Knut Magne Valle, die allesamt bei Ulver aktiv waren.

Nach den hypnotischen Kopfkino-Abgesängen der Newcomer-Isländer GlerAkur und ihrem überwiegend instrumental-epochalen Liedern endete der erste Tag des Festivals mit dem Auftritt von Sólstafir als spezielle Label-externe Gäste. Nicht nur prägen die Gigs der isländischen Nummer 1-Exporte in Sachen Metal-Musik eine besondere Tiefe und ein unbändiger Sog, man weiß sein Publikum auch einfach ausnahmslos abzuholen und in ihre Sphären zu entführen. Auch wenn das neue Album Berdreyminn manchen Fans und Kritikern zu poppig ausfiel, so ist doch gerade der Mix aus rauer Black Metal-Luft und Post Rock-Anleihen und der einzigartigen Stimme von Frontmann Aðalbjörn Tryggvason einen Konzertbesuch wert. Für den Prophecy Fest-Gig spielten die Herren aus Reykjavík auch mit „Necrologue“ vom 2009er Album Köld einen seltenen Liebling und begeisterten sonst mit einem Best of ihrer Diskographie. Vor allem das zartfühlige „Fjara“ sorgte für eine Gänsehaut und entließ die Fans des Prophecy Fests in den Abend.