Nachtgeschrei - Tiefenrausch

Nachtgeschrei – Tiefenrausch – CD-Rezension

Im vergangenen Jahr feierten Nachtgeschrei ihr 10-jähriges Jubiläum und begeisterten mit ihrer letzten CD „Staub und Schatten“ (-> hier geht es zur Rezension) ihre Fans. Seit dem Erscheinen des zweiten Albums mit dem neuen Sänger Martin LeMar verging nun einige Zeit, bis Nachtgeschrei sich mit neuem Songmaterial zurück meldete. Anfang diesen Monats war es dann schließlich so weit und das langersehnte Album Tiefenrausch erblickte das Licht der Welt. Seit dem 03.03. ist der Silberling im Handel und wir blicken hiermit nochmal einen tiefen Blick darauf.

Das erste Lied ist zugleich auch Titelsong der CD und beginnt mit Meeresrauschen und einer verträumten Melodie, die sich beim Abtauchen verändert. Man bekommt den Eindruck, in eine magische Welt zu gelangen, in der einem Meerjungfrauen begegnen könnten. Die ersten Klänge von Gitarre und Dudelsack reißen den Hörer aus dieser Welt jedoch schnell wieder

Nachtgeschrei 05.06.2016 Session NRW-Niederrhein, Germany

heraus. Thematisch bewegt sich der Song zwischen Hilflosigkeit, Hoffnung und dem Gefühl ungesehen in die Tiefe zu sinken. Mit „Aus dem Licht“ wird es musikalisch etwas schneller, sodass man schnell im Takt mitwippen muss. Viel fröhlicher geht es aber auch bei diesem Track nicht zu. Was zunächst noch als ein helles, hoffnungsvolles Licht erscheint, kann schnell zu einem Irrlicht werden. Hier dominiert Martins rauchiger Gesang und die härteren Gitarrenriffs. Nur in Interludien und sehr unterschwellig erklingt die Drehleier, die sich kaum durchsetzen kann. Sowohl thematisch als auch musikalisch wirkt dieser Song aber viel selbstbewusster als noch der erste Titel.
Trommeln und ein Didgeridoo leiten zum nächsten Song über, der zwar erst harmonisch und melodisch klingt, dann aber durch den Sprechgesang eine ganz andere Note bekommt. Durch den Gesang wirkt „Mal mich schwarz“ schon beinahe wie ein NDH-Song, was nicht so recht zu den Interludien passen möchte. Bei „Kämpf um mich“ bekommt dann der Dudelsack aber endlich eine größere Rolle, die mit den rockigen Strophen besser harmoniert.

„Meilen unter Meilern“ zieht den Hörer dann scheinbar wieder unter das Meer. Zumindest wirkt die Drehleier, elektronisch verzerrt, im Intro wie ein reißender Sog. Der Gesang ist zwar wie gewohnt kraftvoll, tritt aber in den Strophen eher in den Hintergrund, um im Refrain dann mit voller Gewalt zu dominieren. Der eher ruhige Song lebt daher durch die harten Gitarrenriffs während der Strophe, die sich mit den sanften Klängen im Refrain abwechseln. Eine perfekte Symbiose zwischen harten und ruhigen Tönen. Der Track „Gift“ löst die Ruhe dann schnell ab und die Musik wird wieder ein wenig schneller und tanzbarer. Als der Gesang allerdings einsetzt, wandert die Musik beinahe vollständig in den Hintergrund. Der rauchig, mehrstimmig, aber ruhige Gesang kriecht so sehr geheimnisvoll ins Ohr, während im Interludium wieder die Musik die Oberhand gewinnt.
Die erste richtige Ballade des Albums ist „Zurück“, in der Martins Stimme zunächst von einer Akustikgitarre begleitet wird. Die sanften Dudelsack- und Drehleiertöne tragen seine Stimme fort zum Herz und man wird beinahe ein bisschen wehmütig. Wenn man die Augen schließt, steht man schnell auf einem einsamen Hügel neben dem Sänger und scheint seinen Schmerz geradezu selbst zu spüren. Um so härter und gnadenloser wird man dank „Heldenmut“ wieder in die Realität geworfen. Das bislang schnellste Lied des Albums lebt hauptsächlich durch das rasante Tempo, während „Beste Feinde“ wieder Ruhe bringt. Das lange Intro, das durch den Sound eines gezogenen Schwertes durchbrochen wird, versetzt den Hörer auf ein weit entferntes Schlachtfeld. Der gesamte Klang des Liedes erscheint wie der begleitende Song einerNachtgeschrei 05.06.2016 großen Schlacht, würde aber auch zu einem Musical passen.

Der Song „Stein um Stein“ wirkt zunächst wie ein älteres Lied einer anderen bekannten Band, aber sobald Martin beginnt zu singen, lässt dieses Gefühl einen los. Die rhythmischen Drums, die im gleichen Stil von den Gitarren begleitet werden, laden zum Tanzen ein, doch der Refrain ist so langsam, dass es sich hier eher anbietet, ein Feuerzeug anzuzünden und über dem Kopf zu schwenken. Live könnte dieser Song also wirklich gut beim Publikum ankommen.
Gleiches könnte für „Ich verstumme“ gelten, denn auch wenn dieser Song wieder eine Ballade ist, ist er doch weit rockiger, als „Zurück“. Musikalisch lädt der Song zwar gleichermaßen zum träumen ein, doch ist der Text viel eingängiger und da der Refrain bereits auf dem Album mehrstimmig gesungen wird, kann man sich gut vorstellen, wie eine volle Konzerthalle den Text mitschmettert.
Der vorletzte Song „1000 Tonnen Stahl“ beginnt so lustig und beschwingt, dass man mit Einsetzen des Gesangs irgendwie zurückgeworfen wird. Aus einem unbeschwerten Track wird in Sekunden ein nachdenklicher Song, der aber trotzdem nicht weniger im Ohr hängen bleibt. Nur das Intro will auch nach mehrmaligem Hören nicht so recht passen. Ganz im Gegensatz zu „Laniakea“, das das Album beschließt. Mit unterschwelligem Intro, tritt Martins Stimme kraftvoll in den Vordergrund. Der Song wirkt wie ein Abschied, aber gleichzeitig auch wie ein Neubeginn. Mit recht poppigen Strophen, verabschieden sich Nachtgeschrei aus der Tiefe und segeln in die Zukunft.

Fazit: Insgesamt wirkt das Album sehr durchdacht und folgt einem festen Thema. Der Ozean mit all seiner Weite und seiner Tiefe schwingt bei fast jedem Song mit. Zwischendurch scheint die Abfolge der Songs nicht ganz so gut zu passen, da man sich im einen Moment noch in tiefsten Träumen befindet und im nächsten Moment die harten Gitarren einem die Ohren durchpusten. Dies ist aber sicherlich genau so gewollt, damit man nicht zu sehr in Melancholie versinkt, denn insgesamt zieht sich doch eher die Düsternis durch das Album. Mit dem Hintergedanken, dass es immer ein Licht gibt, wenn man bereit ist zu kämpfen.
Dem Mittelalter-Rock werden Nachtgeschrei immer noch gerecht, auch wenn in den meisten Songs die „mittelalterlichen“ Instrumente eher in den Hintergrund rücken. Wenn man mal ganz penibel ist, haben die Instrumente so viel mit Mittelalter zu tun, wie die Band mit dem Genre. Das schöne daran ist aber, dass man so Nachtgeschrei nicht in eine Schublade stecken kann und sie ihren eigenen Stil ausleben können. Die Songs wirken harmonisch und die Instrumente passen beinahe immer gut zusammen, die Band ist also auf dem richtigen Weg. Hoffentlich lassen sie sich für ihr nächstes Album ähnlich viel Zeit. Beim Hören merkt man nämlich, dass die Songs äußerst durchdacht sind und mit nichts Bekanntem identisch sind.

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