Mr. Hurley und die Pulveraffen – Tortuga – CD-Rezension

Muschelschubser, Krabbenkuschler und Wochenendpiraten! Sind alle an Bord? Dann kann es ja losgehen, nächster Halt Tortuga! Dorthin laden Mr. Hurley und die Pulveraffen nämlich auf ihrem gleichnamigen Album ein, das seit dem 25. August in den Läden steht. In der ersten Verkaufswoche hat es die piratige Anhängerschaft der Band tatsächlich geschafft, das Album auf Platz 5 der deutschen Albumcharts zu katapultieren. Seit der Gründung im Jahr 2009 hat sich neben der Veröffentlichung von mittlerweile vier Alben also einiges getan an der Piraten-Front. Der dreckige, saufende und pöbelnde Pirat wird langsam salonfähig, ohne dabei in den Mainstream abzudriften! Was das Album nun aber zu bieten hat, lest ihr nun hier.

„Tortuga“ beginnt mit dem Song „Totgelacht“, was zeitgleich praktisch das Lebensmotto des gesamten Albums zu sein scheint. Denn wie es im Song schon besungen wird, sind die Pulveraffen keinesfalls gefährlich, sondern eher ein Garant für gute Unterhaltung. Der Track beginnt mit einem eingesprochenen Intro, weil sich das heutzutage so gehört, doch dann geht es recht schnell mit gepflegtem Piraten-Folk los. Auch im zweiten Song, ist der Spaß garantiert mit an Bord. Bereits aus dem Musikvideo (-> hier) ist „Achtung, fertig, Prost“ bekannt und wird daher auch auf dem Feuertal Festival (-> wir berichteten) dafür gesorgt haben, dass die große Piratenmeute das „Aye, aye“ laut mitgrölen konnten. Insgesamt ist der Track einer, der mit simplem Text und fröhlich, rasanter Melodie besticht.
Im Anschluss gibt es den ersten ‚Tagebucheintrag‘ von Captain Blake auf der Lightning, die vor Tortuga ankert. Die Pulveraffen sind abhanden gekommen, doch zurücklassen kann er sie nicht, weil sie auch das Steuerrad mitgenommen haben. Blake muss also an Land und seine verlorenen Kanoniere suchen.

Während der Captain auf der Suche ist, erzählen die Pulveraffen mit dem Titeltrack des Albums, was auf „Tortuga“ denn so abgeht. Schnelle Rhythmen tragen den Song, während Gitarre und Akkordeon nur unterschwellig zum Einsatz kommen. Der Text hingegen bleibt besonders im Refrain schnell im Ohr hängen und sorgt gleichzeitig für einige Lacher. ‚Keine Hose, kein Problem‘ ist da nur eines der erwähnenswerten Zitate. Noch alberner, aber nicht weniger charmant, wird es dann beim ersten Liebeslied des Albums. Moment, ein Liebeslied bei den Pulveraffen? Ja, aber geehrt wird weder die Frau noch der Grog, sondern die Bordkanone! Textlich kann sich „Ich Kanone dich nicht leben“ durchaus sehen lassen und das billige Wortspiel kommt gesungen dabei einfach nur wunderbar zum Einsatz. Musikalisch wirkt der Song wie ein altes Seemannslied, das zum schunkeln anregt. Sogar eine traurige Trompete kommt zwischenzeitlich zum Einsatz. Ob der Albernheit wird so mancher vielleicht nur die Stirn runzeln, doch muss man bei der Dichtung des Songs eigentlich schon von Genialität sprechen. Denn wer zur Hölle kommt auf so einen Quatsch? Und was sagt die Kanone dazu?
Was die Kanone dazu sagt, wird ein Geheimnis bleiben. Was die Oma aber zu Piraten zu sagen hat, erfährt man in „Trau keinem Piraten“. Warnen die Pulveraffen da etwa in Seemannslied-Manier vor sich selbst? Nein, sie beschweren sich vielmehr darüber, dass solch schreckliche Klischees über Piraten existieren, als sei jeder Pirat ein unanständiger Kerl! Das muss auch wahrlich einfach mal angeprangert werden. Die Oma wird damit aber auch ein wenig aufs Korn genommen, denn gute Tipps der Alten hat wohl jeder schon mal gehört. Musikalisch reißt der Song allerdings nicht so ganz mit und eignet sich wirklich nur zum wiegen und leider nicht zum tanzen. Wenn ein mehrstimmiger Chor auf einem Konzert den Refrain anstimmt, könnte das allerdings wieder einen ganz anderen Charme gewinnen.

Mr. Hurley & die Pulveraffen. Photo session on Sunday (07.05.2017) at eye-work studio in Osnabrueck (GER). Foto: Friso Gentsch

Schneller und tanzbarer ist dann hingegen „Schlechtes Vorbild“, das thematisch genau in die andere Kerbe schlägt. Die Pulveraffen wären zwar gerne genau das, was die Klischees erzählen, aber eigentlich werden sie ‚romantisiert‘ und können ihrem Image überhaupt nicht treu bleiben. Piraten sind Vorbilder geworden, denn heute wird man eben kein Ritter und keine Prinzessin mehr. Das jedenfalls verrät der eingespielte Kinderchor im Song. Der zweite Eintrag von Blakes Landgang im Anschluss zeigt einem dann aber auf, was die Pulveraffen auf Tortuga so getrieben haben. Eine weiße Weste haben die drei Kanoniere der Lighning demnach also wahrlich nicht.
Ein weiteres Trinklied thematisiert die legendäre Geschichte des Grogs. Da bekommt die Redewendung „Gib dem Affen Zucker“ eine ganz andere Bedeutung. Ein echter Pirat ist eben nichts ohne seinen Schnaps und wer das Wasser an Bord auch noch verwerten will, erfindet eben einfach mal kurz den Grog. Der Track ist praktisch eine rhythmische Lobeshymne auf das Lieblingsgetränk der Pulveraffen, ist nur leider kein Song, der zum Mitsingen einlädt. Dafür bietet das Interludium einen Platz zum Tanzen, wenn man nicht gerade in das Grogfass gefallen ist.

Schneller und fröhlicher ist dann „Das Letzte“ und wirkt geradezu wie ein allzu glücklicher Song. Textlich werden hier ein paar lustige Sprüche miteinander kombiniert und mit folkigen Klängen gemischt. Heraus kommt ein Song, auf den sich bei einem Live-Konzert durchaus tanzen lässt. Zudem erhält man ein Bild der drei Musiker in ihren Piratenoutfits, wie sie glücklich und unbeschwert über eine Blumenwiese hüpfen. Geht es eigentlich noch alberner?
Dass die Band aber auch ernst sein kann, beweisen sie mit der Ballade „Wär‘ ich Gouverneur“, das mit Geige, Klavier und Akustikgitarre begleitet wird. Mr. Hurley erzählt von seinem Traum, wie er sein Geld zum Fenster hinauswerfen und seine Macht ausüben würde, wenn er denn Gouverneur wäre. Wer da aber einmal genau hinhört, wird schnell bemerken, dass es hier um mehr geht als um puren Klamauk. Im Piraten-Gewand werden Missstände aufgezählt. Ob Kinderarbeit, Vetternwirtschaft und Korruption – alles ist vertreten. Der ironische Nachsatz ‚zum Glück gibt’s sowas heut schon lang nicht mehr‘ regt noch einmal zusätzlich zum Nachdenken an.

Derweil ist Captain Blake weiterhin auf der Suche nach den Pulveraffen und erfährt, dass ess auf Tortuga Steuerzahler gibt, die aber nicht für ihre Kaution aufkommen wollen. Sachen gibts! Blake bezahlt und folgt seinen Kanonieren zurück zum Schiff. Auf dem Weg dorthin wird mit „Mit’n Schwert“ noch ein Lied angestimmt, das vor albernem Humor geradezu überläuft. Der Track wird dabei von dem rauen Gesang des Buckteeth Bannock getragen und besticht mit seinem eingängigen Rhythmus mit Mitklatsch-Part. 
Sind die ‚Spacken‘ schließlich mit dem Schwert verkloppt, wird es Zeit, sich das zu nehmen, was einem zusteht. Und vielleicht ein bisschen mehr. Schnelle Percussion und die eingängige Melodie des Akkordeons bleiben direkt beim ersten Hören im Ohr. Längere Interludien zwischen den Strophen laden zum Tanzen ein, während der Text einem den leichtesten Weg zum Glück versucht zu erklären. Das bekannte Piratenmotto ‚Nimm, was du kriegen kannst und gib nichts mehr zurück‘ wird mit „Was du kriegen kannst“ geradezu zelebriert.

Der vorletzte neue Song versetzt einen dann wieder in ernste Gefilde. Mit „Der Haifisch“ liegt wohl der erste politische Track der Pulveraffen vor. Es geht um einen weißen Hai, der gerne alle bunten Fische und fremde Pflanzen aus dem Ozean verbannen möchte. Wer sich ein wenig mit der aktuellen politischen Weltsituation auseinandergesetzt hat, wird sofort wissen, worum es geht. Textlich geschickt und in nautischem Gewand haben die Piraten aus Osnabrück es geschafft, ein klares Statement zu setzen. Trotz des ernsten Themas, ist es dennoch möglich, ein wenig zu tanzen. Hut ab für dieses Meisterwerk!
Blake ist derweil wieder am Hafen, muss aber feststellen, dass die Pulveraffen bereits ohne ihn abgelegt haben und mit dem letzten Track „Gute Nacht Tortuga“ Abschied von der Pirateninsel nehmen. Auch ein Pirat kann ein sanftes Schlaflied gebrauchen! Nach all der Feierei, Zecherei und Piraterie kommt da ein ruhiger Song zum Einschlafen gerade richtig. Allerdings folgt dann zum Schluss noch die 2017er Version von dem Knaller „Blau wie das Meer“, das neu abgemischt in reiferem Klang daher kommt.

Fazit: „Tortuga“ ist ein durchweg ausgereiftes Album mit Höhen und Tiefen. Es gibt Songs, die zum Nachdenken anregen und Lieder, die stumpf zum Feiern einladen. Textlich wanken die Tracks zwischen ernster Gesellschaftskritik und albernen Blödeleien. Dies passiert aber, ohne dass das weder das eine überwiegt noch das andere den Ernst komplett verschwinden lässt. Mr. Hurley und die Pulveraffen wandeln auf einem genialen Pfad in der Mitte zwischen Ernst und Spaß und das macht sie doppelt sympathisch.
Musikalisch knüpft die Band im Prinzip daran an, was sie in den letzten Jahren bereits begonnen haben. Es fehlt nicht an Mitsing- und Mitklatschsongs und doch gibt es auch einige ruhigere Lieder, die einem Verschnaufpausen gönnen. Wer jedoch nichts mit piratigem Folk anfangen kann, wird auch an „Tortuga“ keine Freude haben, denn Piraten-Folk und Seemannsgarn ist hier Programm. Für Fans der Band oder für diejenigen, die den Pulveraffen nicht ganz abgeneigt sind, ist das Album aber auf jeden Fall eine klare Empfehlung wert! Gerade auch wegen der Gratwanderung zwischen Spaß und Ernst.

Hier könnt ihr von allen Songs eine Kostprobe hören:

 

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