Musik befindet sich stetig im Wandel. Dies haben sich auch die Musiker aus Augsburg gedacht, als sie die Band Mitgift gründeten. Unter dem Leitspruch „gekuschelt wird woanders“ veröffentlichten sie im November 2017 ihr erstes Album, das den malerischen Namen „In Articulo Mortis“ trägt. Auf der kleinen Tour mit Erdling im vergangenen Jahr konnten sie die CD bereits einem kleinen Publikum live präsentieren. Was verbirgt sich nun aber hinter diesem Werk, das sich als eine Neuinterpretation der Neuen Deutschen Härte versteht? Was erwartet uns denn im Augenblick des Todes, was der Titel des Albums uns noch verheimlicht? Wir haben uns die Scheibe mal vorgenommen und verraten euch hier, ob es einen neuen Stern am NDH-Himmel gibt.

Die Trackliste der CD liest sich beinahe wie eine Beweihräucherung von Saltatio Mortis Songs, wobei man schon anhand des Titels des Werkes zwangsläufig an diese Mittelalter-Rockband denken muss. Hört man die Lieder dann aber mal durch, haben die Titel sowohl musikalisch als auch inhaltlich nichts mehr mit den gleichnamigen Songs von Saltatio Mortis gemein. Der erste Song „Rattenfänger“ besticht direkt mit unterschwelligen Gitarren, die von elektronischem Sound und passendem Schlagzeug getragen werden. Auch erhält die Gitarre einen melodischen Part, der vom Gesang schließlich abgelöst wird. Frontfrau Vronis kraftvolle Stimme liegt im Vordergrund und beherrscht die Musik mit ein wenig Ruhe. Im Refrain hingegen vereint sich beides zu einer gelungenen Symbiose. Ähnliches erlebt man auch bei „Tanzt!“, allerdings ist der Rhythmus und die Akkorde der Gitarren hier sehr viel schneller. Sofort hat man das Bedürfnis den Kopf zu schwingen, denn richtiges Tanzen ist bei diesem Sound eher nicht möglich. Erst bei der Aufforderung, man möge tanzen, als sei man nackt, bietet der Track einen tanzbaren Beat. Zwischendurch lädt die Musik eher zum Abrocken ein. Aber wie tanzt man denn eigentlich, wenn man nackt ist? Diese Antwort bleibt die Band uns schuldig. Stattdessen wird mit „MitGift“ weiterhin etwas Verwirrung gestiftet, da hier mit dem Wort gespielt wird, wie man es eigentlich nicht erwarten würde. Thematisch geht es um eine arrangierte Ehe, und die Mitgift der Frau ist das Gift in seinem Becher. Eingebettet ist dies in einer Mixtur aus harten Elementen, rockigen Sounds und ruhigeren Interludien. Es gibt ein Auf und Ab, was auch der Textstruktur entspricht, allerdings hat man auf musikalischer Ebene leider das Gefühl, dass besonders die Drums zu flach rüberkommen.
Mit dem folgenden „Engel der Nacht“ hingegen bietet sich ein Song, der sanftmütig beginnt, um sich weiterhin als Rockpop Song zu entwickeln. Es wird kein schneller Rhythmus angeschlagen und auch der Gesang wirkt gerade im Refrain eher verträumt. Auch wirkt es so, als seien die Drums wieder einen Ticken zu langsam für die Strophe, wohingegen im Refrain alles perfekt übereinstimmt. Auch das „Idol“ könnte ein Song aus dem Hause Saltatio Mortis sein, wird bei Mitgift aber mit elektronischem Piepsen und einer jaulenden E-Gitarre eingeleitet. In der Strophe steht der Gesang dann beinahe alleine da und wird nur durch ein paar wenige Akkorde getragen. Anders wie noch bei „Engel der Nacht“ wird es zum Refrain hin hektischer und beinahe gezwungen aggressiv. Dennoch bleibt ein poppiger Unterton. Auch textlich sorgt der Song für Verwirrung, da das Idol hier selbst spricht, verehrt und benutzt werden soll. 

„Schweres Wasser“ erscheint zu Beginn schließlich eher wie ein rein elektronisches Stück, das dann aber doch von harten Gitarren und schnelleren Drums begleitet wird. In der Strophe trägt Vronis kraftvolle Stimme den Song fast alleine, während Gitarre und Schlagzeug nur einen sanften Rhythmus bieten. Nach dem Refrain im Interludium kommen dann wieder die elektronischen Elemente zum Tragen, sodass der Song doch recht abwechslungsreich klingt. Bei „Butzemann“ stolpert man zunächst tatsächlich zuerst über den Titel und nicht über die jaulenden Gitarren, die sich nun passend mit schnelleren Drums präsentieren. Kennt man den Butzemann hauptsächlich aus dem Kinderlied, verarbeitet die Band in diesem Song den eigentlichen Ursprung der Butzemann-Figur. Im Duett und mit harten Gitarrenriffs fügt sich der Song zusammen und nimmt einen mit. Das Kinderlied darf dann schließlich auch nicht fehlen und wird zunächst mit Kinderstimme eingespielt. Im Anschluss werden die bekannten Zeilen noch gegrowlt, was leider nicht so recht zum Rest des Songs passen möchte. Etwas anders verhält es sich bei „Nachtphantom“, das mit einem harten Intro beginnt. Die harten Akkorde werden mit Drums untermalt, die dann aber in den Hintergrund treten, sobald der Gesang einsetzt. Wieder ist dieser mehrstimmig, was dem Ganzen etwas Abwechslung verleiht. In den Strophen wird der Song aber wieder den poppigen Unterton nicht los, während der Refrain härter und mitreißender ist.
Schließlich wird noch der Track „Uhrwerk“ angefügt, der es musikalisch wieder in sich hat. Gitarren und Schlagzeug passen gut zueinander und man bekommt den Eindruck, eine ausgewachsene Metalband zu hören. Der Fokus liegt aber bei Weitem nicht auf der Musik allein und auch der recht schnell gesungene Text macht das Thema des Liedes deutlich. Das Leben ist schnell, der Zahn der Zeit nagt an uns und genau so schnell scheint das erste Album der Augsburger dann auch seinem Ende zuzugehen. Mit „Abgrund“ wird der Hörer nochmal mit einem längeren Intro begrüßt, bei dem sich harte Gitarrenriffs mit recht langsamen Drums vermischen. Die Härte ist zwar durchaus hörbar, doch wirkt der Sound generell etwas flach. Als dann der Gesang der Frontfrau Vroni einsetzt, hört man zum wiederholten Male, wieso die Neue Deutsche Härte hier neu interpretiert wird. Weiblicher Gesang ist in dem Genre eher selten und fällt schnell in die Sparte des Melodic Metal. Vroni besticht aber auch hier mit ihrer kraftvollen eher tieferen Stimme, die trotz des eher flachen Sounds deutlich zum Tragen kommt. Der letzte Track „Blaubeer-Marie“ besticht dann durch sanfte, elektronische Töne. Man könnte den Song glatt eine Ballade nennen, wenn das Thema nicht so düster wäre. Das Thema der Schwarzen Witwe wird hier eher träumerisch und futuristisch rübergebracht, ohne Aspekte der NDH miteinzubeziehen. Die Blaubeer-Marie basiert dabei auf der Giftmörderin Maria Velten, die dafür bekannt wurde, ihre Opfer mit E605 in Blaubeerpudding zu mischen. Auch auf ihre Demenz geht der Song inhaltlich ein. Der Refrain ist dabei ein besonderer earcatcher und kann bereits nach kurzer Zeit mitgesungen werden. Die Verbindung von Vronis Gesang, der auch zu ruhigen Tönen gut passt, und die sanfte Elektromusik bewirkt ein stimmiges Gesamtbild zwischen allen Elementen, das man bei ein paar der anderen Songs doch irgendwie vermisst hatte. Mit nachdenklichen und sanften Tönen lässt Mitgift den Hörer also schließlich zurück.

Fazit: Insgesamt hat man es mit „In Articulo Mortis“ mit einem abwechslungsreichen Album zu tun. Die Band oder die CD in ein musikalisches Genre einzuordnen fällt unglaublich schwer, sodass man es ruhig bei der Selbstdefinition belassen kann. Den Augenblick des Todes erfährt man in den Songs gleich mehrfach. Sei es die Frau, die ihren Mann vergiftet, die Uhr, die abläuft oder das Nachtphantom, das Rache verübt. Der Tod oder auch eine gewisse Grausamkeit zieht sich thematisch durch das ganze Album und man bekommt den Eindruck, dass mit diesen Themen absichtlich auf verschiedene Arten gespielt wird. Nimmt man das Thema der Schwarzen Witwe kann sowohl textlich als auch musikalisch die „Blaubeer-Marie“ eher überzeugen als „MitGift“. Insgesamt wird man auch den Eindruck nicht los, dass einige Male ein eher flacher Sound vorherrscht. Dies mag an der Produktion der Songs liegen und sollte daher eher weniger stören. Textlich wirken dabei aber einige Reime sehr erzwungen, wo sie an anderen Stellen durchaus gekonnt eingesetzt werden.
Die Band steht am Anfang ihrer musikalischen Reise und das hört man bei diesem Album auch heraus. Sowohl musikalisch als auch gesanglich zeigen Mitgift ein Potenzial, das es nun auszuschöpfen gilt. Wer sich gerne mal an neue rockig-elektronische Stücke heranwagen möchte, kann dies mit diesem Album gerne tun. Es gibt einige Perlen, die von anderen Tracks kaum beschattet werden. Man darf nun aber auch gespannt sein, wie sich Mitgift weiter entwickeln werden. Ihren eigenen Stil jedenfalls scheinen sie bereits gefunden zu haben.