Interview – mit Stefán von Árstíðir lífsins

Anlässlich der aktuellen Neuveröffentlichung des neuen 2CD-Opus „Aldafǫðr ok munka dróttinn“ der Isländisch-deutschen Black Metal-Kombo Árstíðir lífsins stand uns Texter, Vokalist, Gitarrist und Bassist Stefán für ein Interview Rede und Antwort. Zur Albumproduktion, der Motivation als Schaffende authentischer und ehrlicher Musik und der Bandhistorie, wie auch zur Zukunft der Band und anderen Projekten der Musiker gibt es ausführliche Einblicke. Aber lest selbst:

 

 

Tobias: Hallo Stefán! Tausend Dank im Vorfeld, dass du dir Zeit nimmst, unsere Fragen zu beantworten. Bitte stell dich als Kopf und Gründer von Árstíðir lífsins und deine Band doch einmal kurz für die nicht-Vertrauten vor.

Stefán
Stefán

Stefán: Hallo Vita Nigra! Árstíðir lífsins ist eine Band, die heute im Kern aus drei Mitgliedern besteht: Árni, Marsél und mir. Bereits mit der Bandgründung im Herbst 2008 haben wir uns zum Ziel gesetzt, altwestnordische Literatur, Kunst, Geschichte und Mythologie mit Metal-Musik und weiteren Genres zu verbinden. Dabei arbeiten wir vergleichsweise vielschichtig und sind, im Gegensatz zu vielen anderen Bands, sehr darauf bedacht, wahrheitsgetreue und authentische Lyrics zu verfassen. Bisher haben wir drei Alben (2010, 2012 und 2014/15) und eine EP (2014) über Ván Records veröffentlicht, sowie eine Split mit Helrunar, die 2013 über Ván Records und Prophecy Productions erschien.

Tobias: Du kommst aus Deutschland – dennoch ist Árstíðir lífsins eine durch und durch isländische Band. Bei meinen Recherchen habe ich gelesen, dass das Projekt während deiner Studienzeit in Reykjavík gegründet wurde. Woher kommt das Interesse an Land und Kultur? Was fasziniert dich daran – und was lieferte letzten Endes den Impuls zur Bandgründung? Die Inhalte des Studiums musikalisch aufzuarbeiten?

Stefán: Ja, ganz richtig. Bereits kurz nach Beginn meines Studiums in Reykjavík (MA in „Medieval Icelandic Studies“) begannen Árni und ich mit dem Komponieren des ersten Albums „Jǫtunheima dolgferð“. Das Interesse an der mittelalterlichen Kultur und Literatur Islands ist daher voll und ganz meinem Studium auf Island geschuldet. Es war bereits zu Beginn des einjährigen Studiums klar, dass ich auch künstlerisch Teile des MAs verarbeiten wollte. 2009, nach meiner Rückkehr aus Reykjavík, war die Band dann gegründet, das erste Album aufgenommen und eine passende Plattenfirma gefunden. Es lag auf der Hand, dass wir weitermachen wollten.

Tobias: Die neue Platte „Aldafǫðr ok munka dróttinn“ steht nun mit ihrem internationalen Release ins Haus – für eingefleischte Fans gibt es die Platte ja bereits seit Dezember. Wie kommt es, dass erst nun mit der internationalen VÖ die Promo etwas angekurbelt wird? Ich hatte den Eindruck, das Album sei still und heimlich erschienen und zunächst wenig beworben worden.

Stefán: Diese gewissermaßen doppelte Veröffentlichung ist vor allem den völlig überlasteten Vinyl-Presswerken geschuldet. CDs werden mittlerweile sehr schnell hergestellt, während Vinyl-Pressungen bis zu sechs Monate dauern können. In unserem Falle waren das zwar „nur“ vier, jedoch wollten wir trotzdem nicht länger mit dem CD-Release warten. Immerhin hatten wir das Album bereits im Herbst 2013 fertig gestellt und im Januar 2014 den Master zugeschickt bekommen. Dann hatte aber das Layout noch länger gedauert, usw.

Tobias: Sogar ein Doppelalbum ist aus der Platte geworden. War das von Anfang an geplant, oder waren die Ideen dann im Endeffekt doch so überbordend, dass man schlicht gezwungen war, die Songs auf zwei Tonträger zu verteilen?

Stefán: Alle bisherigen Alben haben immer eine durchschnittliche Länge von 70 bis 80 Minuten gehabt. Als nun der Kompositionsprozess für unser neues Album voranschritt, bemerkten wir aber, dass wir dieses Mal definitiv über 80 Minuten kommen werden und somit die Maximalzeit einer CD überschreiten. Nur deswegen war eine Teilung nötig. Geplant war dies daher nicht von Beginn an, ganz und gar nicht. Wir sind nichtsdestotrotz mit dem Ergebnis aber sehr zufrieden. Für den Hörer schafft die Zweiteilung eine vielleicht ganz willkommene Ruhepause in der Mitte des Albums.

Tobias: In welchem Kontext steht das neue Werk zu eurer ganzen Diskographie? Liefere uns doch einmal einen kurzen Abriss darüber, was die Hörer erwartet.

Stefán: Unser neues Album führt jene Familiengeschichte weiter, welche bereits Thema der ersten beiden Alben war. „Aldafǫðr ok munka dróttinn“ erzählt von zwei jungen Brüdern, die als einzige den Mordbrand überleben, welcher am Ende des zweiten Albums beschrieben wird. Beide werden wenig später getrennt und wachsen in verschiedenen kulturellen wie religiösen Umgebungen auf: während der eine nach Norwegen flieht und bei (heidnischen) Verwandten in Lade, nahe dem heutigen Trondheim, aufwächst, wird der andere von einer kürzlich christlich-konvertierten Familie aufgenommen. Kurze Zeit später wird Island christianisiert und der Ziehvater des (christlichen) Bruders ermordet. Dieser sieht sich in der Pflicht, den Mord zu rächen. Letzen Endes ist es sein Bruder, der den Mörder schützt, was zur Folge hat, dass sich schließlich beide Brüder bei einem Holmgang gegenseitig töten und das Album endet. Wie bei allen anderen Alben haben wir auf dem neuen Album fast alle verfügbaren isländischen Primärquellen in die (fiktive) Geschichte miteingebaut, um den historischen Charakter zu verstärken.

Tobias: Jetzt ist ja auch das überaus gelungene Musikvideo zu „Norðsæta gætis, herforingja Ormsins langa“ erschienen. Das Video liefert nette Promo-Shots und tiefe Einblicke in das atemberaubende Artwork des Albums. In wie weit wart ihr hier und bei der Gestaltung des Artworks im Allgemeinen involviert?

Stefán: Wir hatten einen gewissen Einfluss auf das Video. Ich hatte dem Filmdesigner einige Ideen und natürlich alle erforderlichen Bildquellen zukommen lassen. Danach kamen noch ein paar Nachfragen seinerseits – und das Video war auch schon fertig. Trotz der unausweichlichen Bildwiederholungen halte ich das Video für sehr gelungen. Es gibt einen kurzen, aber umfassenden Einblick in das Album.

Tobias: Kam euch nie die Idee, ein „richtiges“ Musikvideo zu machen? Ich denke dabei gerade an andere isländische Landsmänner, Sólstafir, die mit ihrem jüngsten Video wundervolle Bilder der Landschaft und Natur des Landes schenken. Sowas könnte ich mir bei euch auch vorstellen.

Stefán: Ein Video zu drehen würde in unserem Fall sicher etwas teurer werden, da wir wahrscheinlich weniger nur die reine Bildergewalt Islands nutzen wollten. Im Gegensatz zu etwa Sólstafir oder auch Sigur Rós verfolgen wir ein sehr historisches und/oder mythologisches Konzept, welches eine passende Storyline benötigt. Dazu bräuchten wir Schauspieler, Kleidung, usw., die letzten Endes zu teuer werden würden. Wenn jedoch das nötige Budget zur Verfügung stehen würde, wären wir gerne bereit, ein solches Experiment in Angriff zu nehmen. Dafür würden wir wahrscheinlich sogar einen eigen konzipierten Song schreiben und aufnehmen.

Tobias: Ohne mich auszukennen übersetzte ich den Albumtitel unter Zuhilfenahme diverser Online-Wörterbücher mit „Allvater und der Mönche Herr“. Trifft das überhaupt den Titel? Was ist die Kernaussage des neuen Werkes? Allvater Odin Versus Christengott? Ich wittere Geschichten um die Christianisierung Islands.

Stefán: Das neue Album heißt übersetzt „Óðinn und der Gott der Mönche“. „Aldafǫðr“ repräsentiert eine relativ weitgefasste Bezeichnung für Óðinn, die unter anderem im eddischen Vafþrúðnismál auftaucht und dort generell als „Gott der Geschlechter“ übersetzt wird. „Munka dróttinn“ wiederum ist einer der ältesten skaldischen Ausdrücke für den christlichen Gott und bezieht sich – nomen est omen – auf eben den Gott der (missionierenden) Mönche. Der Titel bezieht sich, da hast du ganz recht, auf die Christianisierung Islands. Durch die beiden Götternamen soll auf die vielschichtige religiöse wie politische Situation hingewiesen werden, in welcher sich Island im späten 10. und beginnenden 11. Jahrhundert befand. Außerdem fasst der Titel recht passend den religiösen Konflikt auf, welche schließlich zum geschilderten Brudermord am Ende des Albums führt.

Tobias: Christianisierung der „Heiden“ als Stichwort: stilistisch wird euch immer wieder das Label „Black Metal“ aufgedrückt. Das ist mit Sicherheit nicht falsch. Du sagtest mal in einem anderen Interview, Black Metal sei in seiner ursprünglich satanischen Ausrichtung alles andere als passend, um euren Stil zu beschreiben. Wie würdest du die Charakterisierung eurer Musik denn anbringen? Tatsächlich liegen eure Motive ja nicht im Satanismus. Aber geht es dann nicht erwartungsgemäß auf dem neuen Opus doch eher um das Thema des bösen Einflusses des Christentums und die Zerstörung, beziehungsweise zunächst mal gewaltsame Veränderung einer Kultur – und hat somit dann doch wieder antichristliche Couleur?

Stefán: Musikalisch ist Black Metal seit jeher die richtige Bezeichnung für die Grundausrichtung unserer Musik. Textlich und inhaltlich haben wir damit aber wahrscheinlich nur sehr, sehr wenig zu tun. Tatsächlich sind wir noch nicht einmal sonderlich „heidnisch“ inspiriert. Zumindest nicht von dem, was ein Großteil der heutigen Bands darunter versteht. Wir versuchen zuvorderst historischen Erzählstoff mit nordisch-mythologischer Epik zu verbinden und dieses adäquat musikalisch zu untermalen. Einen besonders antichristlichen Standpunkt verfolgen wir daher nicht, erst recht nicht aus politischer Sicht.

Tobias: Als Studierte der Skandinavistik teilen du und Marsél euch eine gemeinsame Passion. Euer erklärtes Ziel ist es ja, den Menschen die altnordische Literatur näher zu bringen. Wie kommt es dazu, als Sprachrohr hierfür ausgerechnet Black Metal zu wählen? Klar seid ihr nicht die einzige Formation, die der finsteren Musiksparte angetan ist und Geschichten aus alter Zeit erzählt – allerdings geht der lyrische und konzeptionelle wie kompositionelle Anspruch bei euch ja wirklich in die Superlative, die eurer Musik etwas verleiht, das vielen thematisch und musikalisch verwandten Bands fehlt, und das ist Authentizität. Und das sage ich als Laie schon!

Stefán: Sowohl Marsél als auch ich sind seit jeher große Metal-Fans gewesen und komponierten in unseren anderen Bands seit Jahren Metal, der altnordische Literatur lyrisch behandelt. Marsél hatte ja bereits 2003 auf dem Demo von Helrunar („Grátr“) ein profundes Verständnis zur altnordischen Mythologie an den Tag gelegt. Ich wiederum hatte 2008 mit einer Band namens Eldborg ein Tape veröffentlicht, welches Teile der großartigen Saga-Literatur Islands aufgreift. Aus der Sicht war Árstíðir lífsins eine logische Konsequenz für Marsél und mich. Dass wir nun beide Skandinavistik studierten, hievte das textuelle Level der Band nur noch weiter nach oben.

Tobias: Haben sich Marsél und du auch durch eure wissenschaftliche Arbeit kennen gelernt? Oder durch eure Vorliebe für Musik? Wie kam Árni als Dritter im Bunde dazu? Nicht zu vergessen die anderen Beteiligten.

Stefán: Nein, Marsél und ich hatten uns bei einem Festival kennengelernt, welches ich im September 2004 zum ersten Mal im norddeutschen Bad Segeberg veranstaltete („Av is og ild-Metal Fest“). Dort traten unter anderem meine andere Band Kerbenok auf, sowie Drautran, deren Sänger Georg (dort Jorge Blutaar) ebenfalls bis Anfang 2013 bei Árstíðir lífsins tätig war. Nach dem Festival blieben wir drei über die Jahre hinweg in stetigem Kontakt. Als ich nun im Herbst 2008 mit Árni an den ersten Songs arbeitete, fragte ich Marsél und Georg, ob sie Interesse hätten, bei Árstíðir lífsins mitzuwirken. Sie willigten gerne ein und Rest ist, wie man sagt, Geschichte.

Tobias: Skaldische Strophen, Kenningar und Stabreimschemata – wunderschöne altnordische Stilmittel, die ihr schon auf vergangenen Werken verwandt habt. Was fasziniert dich daran und wo finden wir diese auf dem neuen Werk wieder? Nenne uns Beispiele, an welchen Stellen der Ungeübte mal drauf achten sollte!

Stefán: Da empfehle ich das komplette sechste Lied („Tími er kominn at kveða fyrir þér“) auf „Aldafǫðr ok munka dróttinn“. Dies repräsentiert das komplette „Hákonarmál“, ein Preisgedicht aus dem 10. Jahrhundert, welches von dem Skalden Eyvindr Skáldaspillir Finnsson zu Ehren des gefallenen christlichen Königs Hákon Góði Haraldsson verfasst wurde. Interessant ist das Gedicht vor allem auch deshalb, da Eyvindr ein heidnischer Skalde war und daher aus seiner (nicht-christlichen) Sicht den Tod des Königs schildert. In dem Gedicht vermischen sich eine ganze Anzahl äußerst interessanter historischer, religiöser wie psychologischer Aspekte.

Tobias: Das Isländische als Sprache ist ja nun den Wenigsten geläufig. Ihr haltet eure Liedtexte gar in einem alten Isländisch, was den Zugang zu den Songs auf inhaltlicher Ebene noch einmal erschwert. Habt ihr da nicht manchmal trotz der englischen Übersetzungen im Booklet und auf der offiziellen Seite Angst, eure Musik fast schon nur für eine Skandinavisten-Elite zu machen und dass sie von vielen nicht oder zumindest nicht richtig verstanden wird? Von der Aussprache der Titel der Stücke und Alben oder gar eures Bandnamens mal ganz zu schweigen, da im Isländischen noch die Runen ð „Eth“ und þ „Thorn“ auftauchen.

Stefán: Die Buchstaben þ und ð kommen aus dem Altenglischen und sind daher eher Lehn-Buchstaben im Alt-Isländischen, als Runen per se (was das þ aber ursprünglich natürlich auch war). Wie auch immer. Dass wir nun einen vergleichsweise eigensinnigen Ausdruck haben, ist garantiert Marséls und meiner Studien zu verdanken und mag daher voll und ganz elitär wirken, ganz recht. Das ist aber nie unser Anliegen gewesen. Die Texte, die Musik und natürlich auch das Layout sind letzten Endes ein durch und durch künstlerischer Ausdruck, der eben so (und nur so) sein muss. Dabei ist es für uns überhaupt nicht von Belang, ob die Songs und Texte von den Hörern verstanden werden, oder nicht. Würden wir darauf aus sein, verständliche und massenverträgliche Musik zu spielen, würden wir mit Sicherheit nicht so einen Aufwand betreiben und eine so spezifische Band-Identität erschaffen.

Tobias: Es kommt ja noch dazu, dass die Songs ellenlange Titel tragen, was den episch-narrativen Aspekt eurer Musik nochmals unterstützt. Warum keine knackigeren Kurztitel? Oder wäre das zu einfach?

Stefán: Einfache und kurze Titel würden das umfassende Konzept der Alben zerstören. Auf allen Alben repräsentieren die Titel schlicht die ersten Sätze (oder Teilsätze) des jeweiligen, eingeleiteten Liedes. Deren Inhalt mag daher bisweilen vielleicht sogar lapidar sein, jedoch sind sie im ganzen (lyrischen) Konzept des Albums wieder stimmig und greifen vor allem das mittelalterliche Konzept der Rubriken in Manuskripten auf (die jedoch eigentlich als einzuleitendes Kommentar zu verstehen sind).

Tobias: Nun eine Frage an dich als Texter: sind die Lyrics denn eher fiktiver Natur? Oder liefert ihr hier zum Teil Originale aus längst vergessenen Schriftstücken und bearbeiteten Runensteinen, die einsam in den Weiten Islands stehen?

Stefán: Na, wenn die Schriftstücke, die wir verwenden, vergessen wären, würden wir wohl kaum die Möglichkeit haben, sie zu benutzen. Außerdem gibt es leider keine mittelalterlichen Runensteine auf Island. Aber das ist hier wohl nicht weiter von Belang. Die Lyrics sind etwa zu 30-40 % fiktiv und erzählen von einer Alben-übergreifenden Familiengeschichte, wie bereits erwähnt. Die restlichen 60-70 % basieren auf historischen Fakten und mittelalterlich-isländischen Erzählstrukturen der landessprachlichen Saga-Literatur.

Tobias: Würdet ihr sagen, ihr hättet euch musikalisch in den letzten Jahren verändert? Nach Georgs Weggang gab es ja zuletzt 2014 die EP „Þættir úr sǫgu norðrs“, bei der er aber noch mitwirkte, und im Jahr davor die Split-EP „Fragments-A Mythological Excavation“, die durch Marsél, alias Skald Draugir, Kopf von Helrunar, ja naheliegend war. Während Letzterer die Thematik Helrunars gerne variiert und verschiedene historische Szenarien verarbeitet, bleibt ihr mit Árstíðir lífsins dem alten Island treu. Ganz platt gefragt: wird euch das nicht langweilig?

Stefán: Unsere Musik verändert sich ständig, jedoch wahrscheinlich weniger radikal als die anderer Bands. Ich denke daher nicht, dass es uns auf lange Dauer langweilig werden wird. Auch aufgrund des großen kulturellen Fundus des westnordischen (Früh-)Mittelalters (nicht nur Islands) kratzen wir wahrscheinlich nach wie vor an der Oberfläche möglicher lyrischer Themen.

Tobias: Erzähle uns doch etwas von den Aufnahmen zum Album. Wann habt ihr angefangen, Songs zu schreiben? Wo habt ihr das Album aufgenommen? Wie läuft das ab?

Stefán: Das neue Album hatten wir im Januar 2013 begonnen zu schreiben. Aufgenommen haben wir es noch im selben Jahr an verschiedenen Orten in Deutschland und Island. Im Dezember 2013 und Januar 2014 wurde es schließlich von Markus Stock im Studio E (Empyrium, Secrets of the Moon, Helrunar, usw.) gemixt und gemastert.

Tobias: Árstíðir lífsins, so lese ich immer wieder, ist ja nun ein internationales Projekt. Du und Marcel als Deutsche mit Árni in Reykjavík – ist es da überhaupt einfach, ein solches Projekt aufrecht zu erhalten?

Stefán: Ja, natürlich! Dank des Internets und Skype sind wir drei in recht regem Kontakt, welcher die Band eigentlich nie einschlafen lässt. Für das Komponieren treffen wir uns noch ein bis zwei Mal in persona, um die anschließenden Aufnahmen konzentriert, gut geplant und vor allem ohne Hektik durchzuführen. Hilfreich ist zudem, dass wir mittlerweile ein sehr gut eingespieltes Team sind, in welchem jeder seine Rolle hat. Das erleichtert nicht nur das Komponieren, sondern vor allem auch das Fertigstellen einer vielschichtigen Veröffentlichung wie etwa „Aldafǫðr ok munka dróttinn“.

Tobias: Was verbindest du selbst mit eurer Musik? Ist das im Prinzip die Verbindung zweier großer Leidenschaften – altnordische Symbolik und Sprache in Kombi mit Black Metal?

Stefán: Wahrscheinlich ist es wirklich genau das. Wenn ich auch die Wissenschaft voll und ganz von der Musik trenne, ist die Musik selbst eine nicht minder große Leidenschaft von mir. Keines von beiden werde ich mit Sicherheit nie aufgeben können.

Tobias: Du hast auch andere musikalische Projekte. Ich hoffe, ich bohre jetzt nicht mit einem unangenehmen, leidlichen und immer wieder gefragten Thema: aber wie sieht es eigentlich mit Kerbenok aus, wo du ebenfalls als Vokalist, Bassist und Gitarrist mitwirkst? 2014 sollte eigentlich ein neues Album anstehen, mit dem das Projekt beendet werden sollte – leider ist der Informationsfluss dahingehend etwas im Sand verlaufen. Gibt es die Band noch oder liegt sie auf Eis? Nicht zu vergessen About Fading – und zu guter Letzt habe ich auch von einem interessanten weiteren Projekt von Árni, Marcel und dir gehört, bei dem ihr eine akustische Neofolk-Ader auslotet – Wöljager. Wie steht es um all diese Projekte?

Stefán: Kerbenok haben bereits 2010 ein neues Album mit dem (Arbeits-)Titel „Grund“ aufgenommen. Dieses beinhaltet insgesamt fünf Stücke und wird um die 50 min. Spielzeit haben. Da jedoch lange Zeit nicht klar war, welche Art von Gesang zu dem Album passt, haben sich die entsprechenden, abschließenden Aufnahmen immer wieder verschoben. Seit etwa einem 3/4 Jahr sind diese zwar auch fertig, jedoch ist der Mix und das Mastering nach wie vor nicht abgeschlossen. Ich habe mich mittlerweile komplett aus der ganzen Angelegenheit zurückgezogen und alles Christopher, der anderen Hälfte von Kerbenok, überlassen. Wann nun das Album fertig gestellt wird und wo es schließlich erscheint, kann ich dir daher leider nicht sagen. In jedem Fall ist es das letzte, was wir unter dem Namen veröffentlichen werden. Christopher hat aber mittlerweile – wie auch ich – mehrere Bands und Projekte gegründet, die allesamt großartig sind. Eine von diesen, YRA, werken bereits an ihrer zweiten EP. Hier kann man in die erste reinhören.

About Fading haben sich kurz nach dem Erscheinen der ersten EP im Jahr 2013 aufgelöst. Das hatte mehrere, hier unwichtige Gründe. Jedoch habe ich das Gefühl, dass das ein oder andere Riff, das Frederick und Marta für About Fading geschrieben haben, vielleicht für Todtgelichter benutzt wird. Ganz verloren ist der Charme von About Fading also nicht.

Wöljager ist eine Folklore („Dark Folk“)-Band, die aus den drei Kernmitgliedern von Árstíðir lífsins besteht. Weit überwiegend stammt die Musik von Marcel, mit der Ausnahme, dass Árni sämtliche klassischen Arrangements (und Instrumente) übernimmt. Auch die Texte kommen samt und sonders von Marcel. Die Idee von Wöljager ist eigendlich schon etliche Jahre alt: Marcel hatte schon seit guten 7-8 Jahren die Idee gehabt, plattdeutsche („Münsterländer-plattdeutsche“) Lyrik in einer Folklore-Band zu vertonen. Im Herbst 2013, als er dann genügend Material zusammen hatte, trat er an Árni und mich heran und frage, ob wir ihm bei den Aufnahmen helfen wollten. Das machten wir natürlich gerne und nahmen schließlich im Sommer 2014 das Debut „Van´t Liewen un Stiäwen“ in der Nähe von Borgarnes auf Island auf. Erscheinen wird es wahrscheinlich noch im Sommer 2015 via Auerbach Tonträger/Prophecy Productions. Einen ersten Höreindruck gibt es hier.

Tobias: Ebenso haben deine Bandkollegen andere Projekte, um die es stiller geworden ist. Helrunars „Niederkunfft“ steht gerade neu in den Läden. Kannst du uns Auskünfte zu Skendöd und Carpe Noctem geben?

Stefán: Skendöd haben bereits vor Jahren ein mehr oder weniger komplettes Album aufgenommen, jedoch hatten es Árni und Ulf nie geschafft, dieses fertigzustellen. Ich weiß, dass die Daten nach wie vor auf Árnis Rechner schlummern, jedoch habe ich ebenso das Gefühl, das es noch einige Zeit dauern wird, bis das Album erscheint.

Carpe Noctem sind da etwas aktiver gewesen und haben das ein oder andere Konzert nach dem 2013er Release ihres großartigen Debuts „In Terra Profugus“ gespielt. Jedoch musste die Band aufgrund von mehreren Wohnortwechseln seit 2014 eine Pause einlegen, die aber spätestens im kommenden Sommer wieder vorbei sein wird. Ich bin mir sicher, dass da auch bald wieder etwas Neues kommen wird. Island ist ohnehin derzeit alles andere als still, insbesondere wenn es um hochwertigen und innovativen Black Metal geht.

Tobias: Wie wird die Zukunft aussehen? Kannst du uns etwas über kommende Planungen sagen? Eine neue EP soll auch schon wieder anstehen, noch dieses Jahr, so munkelt man. Ich las etwas vom Titel „Heljarkviða“?

Stefán: Ja, wir haben bereits eine neue EP mit dem Namen „Heljarkviða“ aufgenommen. Diese wird aus zwei miteinander verbundenen Titeln namens „Heljarkviða I: Á helvegi“ und „Heljarkviða II: Helgrindr brotnar“ bestehen. Beide sind etwa 20-23 min. lang und werden, wie bereits „Víndsvalarmál“ auf unserer Split mit Helrunar, einen sehr mythologisch-apokalyptischen Text beinhalten. Wann genau die EP herauskommt, ist bisher noch nicht sicher, ich plane aber mal grob mit Herbst/Winter 2015.

Tobias: Und außerdem – entgegen jedweder räumlicher Distanz von euch Dreien geschuldeter Schwierigkeiten beim aktuellen Zusammenarbeiten: bleibt Árstíðir lífsins ein reines Studioprojekt? Eine Frage, die gewiss in jedem Interview kommt. Ich möchte trotzdem betonen: ich persönlich würde jede Summe bezahlen, die Songs von euch live zu erleben. Und das geht gewiss nicht nur mir so!

Stefán: Tatsächlich werden wir in wirklich jedem einzelnen Interview nach Live-Plänen gefragt. Leider ist es uns derzeit nicht möglich, live zu spielen. Wir leben mittlerweile in drei verschiedenen Ländern und allein eine einzige Probe würde unsere zeitlichen Kapazitäten (und die der Live-Mitglieder) um ein vielfaches überschreiten. Die Idee ist jedoch nach wie vor nicht völlig begraben und wir versuchen, vielleicht mit dem nächsten Album ein Live-Set auf die Beine zu stellen.

Tobias: Man ist ja auch als Musiker immer noch Fan. Was glaubst du sind eure größten musikalischen Einflüsse? Und neben eurer eigenen Musik – welchen kommenden Neuerscheinungen fiebern du und deine Bandkollegen in diesem Jahr entgegen? Ich frage mich zudem auch, ob man nicht als studierter Mann nordischer Philologie oft über alle Maßen bei einigen modernen Aufarbeitungen der nordischen Geschichte verzweifelt. Seien es nun andere Bands, die ähnlich und hundert Mal oberflächlicher und nicht so detailverliebt wie ihr die Wikinger- und Nordmann-Thematiken aufgreifen, oder auch Filme wie „Northmen“ oder die Serie „Vikings“, gespickt von unzähligen Fehldarstellungen.

Stefán: Musikalisch sind wir sicher von einer äußerst großen Bandbreite an Musikrichtungen beeinflusst, die mit Metal überhaupt nichts zu tun haben. Ich beschränke mich hier aber mal auf meine Haupteinflüsse aus dem (Black) Metal: Da sind das vor allem Bands wie Enslaved, Primordial, Helheim, Ulver, Emperor, Gorgoroth, Darkthrone, Satyricon, Kampfar und überhaupt ein Großteil der 90’er Veröffentlichungen der Norwegischen Black Metal-Szene. Dann sollten mit Sicherheit noch Klassiker wie Bathory genannt werden, aber auch unbekanntere Bands wie Hagal, Lönndom oder Thy Grief. Der oftmals sehr flache und/oder schlichtweg falsche Blick von vielen, anderen Bands, die sich für das skandinavische Frühmittelalter interessieren, ist tatsächlich immer wieder erschreckend. Glücklicherweise ist die Musik aber bisweilen noch ganz aushaltbar. Bei Filmen bin ich sehr wählerisch geworden, da ein Großteil völliger Schrott ist, der mir auf die Nerven geht. Die beiden von dir genannten Beispiele habe ich (noch) nicht gesehen, glaube aber, dass auch hier nicht viel zu holen ist. Ich bleibe da lieber bei Klassikern wie „Útlaginn“ oder der bekannten Víking-Triologie von Hrafn Gunnlaugsson.

Tobias: Im Namen des Vita Nigra-Teams – tausend Dank für die Beantwortung unserer Fragen, Stefán! Gibt es am Ende noch etwas, das du loswerden möchtest?

Stefán: Vielen Dank für das wirklich umfassende und interessante Interview. Falls der/die Leser/in Interesse an Árstíðir lífsins bekommen hat: Auf unserer Bandcamp-Seite sind sämtliche Veröffentlichungen hochgeladen und können auch dort als Download gekauft werden. Ich rate aber lieber, bei Ván Records oder im örtlichen CD-Laden vorbei zu schauen und sich dort direkt die LPs oder CDs zu kaufen. Das Layout unserer Veröffentlichungen ist mindestens genauso detailreich wie unsere Musik.

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