Die unermüdliche Heldmaschine fährt derzeit zweigleisig und tourt einerseits mit den Jungs von Megaherz um Lex Wohnhaas und schiebt dabei andererseits ein paar erste Club-Termine ein, um als Headliner neues Material ihres nunmehr vierten Longplayers „Himmelskörper“ zu präsentieren, der am 4. November erschien. Jedes Jahr ein neues Album zu schmieden und zugehörige Touren nebst zahlreichen Festival-Auftritten zu absolvieren dürfte kein einfaches Unterfangen sein – doch genau das meistert der Neue Deutsche Härte-Fünfer aus Koblenz mit Leichtigkeit. Genau am Release-Tag gastierten die Maschinisten auch im Bochumer Rockpalast im Matrix-Komplex zum Auftakt ihrer eigenen ersten Tourhälfte, welche Anfang 2017 fortgeführt wird. Wir betreiben die Nachlese.

20161104_Bochum_Himmelsko╠êrper_Heldmaschine_0113Im Vorprogramm gab es zunächst die Düsseldorfer Goth-Rock-Combo Voodoma auf die Ohren. Routiniert stellte sich die Band mit ihrer Song-Palette vor, Frontmann Michael Thionville tat alles, das Publikum zum Mitmachen zu bewegen, doch das Bochumer Volk gab sich zunächst rigide – schlecht war der Düster-Hard Rock mitnichten, aber für die Liebhaber des Rammsteinesken, was René Anlauff und sein Ensemble jedes Mal in ihrer eigenständigen Art entfesseln, blieb das überwiegend englischsprachige Song-Gut der Jungs eher auf der Strecke. Während ein paar Stücke, in denen die finstere Ader prominenter ist, in denen symphonische Elemente im Vordergrund stehen („Sanctus Domine„, samt Frauenpower-Unterstützung von Maike Flushöh) und vor allem das Hauptaugenmerk auf die deutsche Sprache gelegt wird (leider im Prinzip nur das einzelne „Virus„), besonders bestechen konnten, versickerten manche der eher dünnen Hard Rock-orientierten Songs ein wenig in den Fliesenfugen des Rockpalasts. Ganz verkehrt waren die Jungs als Supporter der Heldmaschine sicher nicht, wussten aber sowohl mit ihrer Live-Show als auch mit dem Song-Reißfluss, der dargeboten wurde, bestenfalls durchschnittlich zu gefallen. Der Genrebruch schien zu groß – trotzdem forderten ein paar Damen aus dem Fanclub der Rheinländer eine Zugabe in Form von „Wasted Daylight“, die sie auch bekamen.

20161104_Bochum_Himmelsko╠êrper_Heldmaschine_0231Nach der Umbaupause schlug der Meteorit dann endlich ein und Heldmaschine begannen direkt mit einem Doppel aus neuen Songs: Nachdem das Album-Intro in den intensiven „Gegenwind“ umschlug und „Alles Eins“ folgte, sollten die angereisten Fans erst an dritter und vierter Stelle mit den „Lügen„-Opener-Stücken „Collateral“ und dem getragenen „Schwerelos“ mit bekannten Songs bombardiert werden. Klar, dass bei einer so hohen Quantität an neuen Stücken, auch im folgenden Set, die Besucher noch nicht ansatzweise so textfirm waren – das machte aber rein gar nichts und drosselte den unentwegten Fall des Himmelskörpers kein bisschen. Frontmann Anlauff hatte das Publikum fest im Griff, die Band fühlte sich geehrt, dass auch die neuen Stücke gefielen – hin und wieder war zwar unter den tuschelnden Leuten zwar ein „Jetzt aber mal was Bekanntes“ zu hören, aber wer behauptete, es hätte zu viel Neues gegeben, der meckerte auf hohem Niveau. Es folgte ein bunter Mix aus älteren Klassikern -wenn man sie denn schon so nennen kann- wie „Ich komme“, „Radioaktiv“ oder „Maskenschlacht“, aber auch weiteren komplett neuen Songs wie „Dünnes Eis“ oder das bereits aus dem jüngsten Musikvideo bekannte, frivol-perverse „Sexschuss“, welches die Omnipräsenz pornographischer Inhalte im weltweiten Netz und dessen Konsum wie der einer Droge beschrieben wird. Gleichzeitig kann man aber auch mit Fug und Recht behaupten, dass der Song eher an skandalträchtige Lyrics von Ost+Front denn an typische, kluge Heldmaschine-Texte erinnert. Insgesamt gab es von 18 Songs 8 neue Stücke zu hören – das ist ein hoher Prozentsatz, fielen dadurch doch einige bekannte Stücke aus dem Programm. Während gegen Ende noch die „Propaganda“ dem skandierten „Mund – zu – Mund“-Schrei aus dem Saal einforderte und bei der Kraftwerk-Hommage „Die Roboter“ die exzellente Lichtshow auf der zugegebenermaßen doch sehr kleinen Bühne zur Geltung kam, entließ die Band ihre Schäfchen mit dem Ohrwurm „Weiter!“ in die Nacht. Ein charismatisches Feuerwerk, von Anfang bis Ende!

20161104_Bochum_Himmelsko╠êrper_Heldmaschine_0138Fazit: Hart – härter – Heldmaschine! Auch wenn die Show am 4. November eher an den neueren Stücken der Band orientiert war und das Publikum diese zum Teil noch gar nicht kannte (was der Stimmung aber nur bedingt einen Abbruch tat), spielten sich die Jungs routiniert durch ihre Setlist, entfachten bei den altbekannten Stücken erneut die Begeisterungsströme, die sie schon in den vergangenen Jahren entzündeten und ließen nur wenige ihre Klassiker aus – vielleicht war das das einzige wirkliche Manko des Abends: Kein „Doktor“, keine „Chefsache“ und vor allem kein eponymer „Heldmaschine“-Song, der überhaupt für die Umbenennung aus Völkerball verantwortlich ist – dieser ist jetzt nur noch dem Alter Ego der Band vorbehalten, unter dessen Standarte sie regelmäßig in opulenten Shows der Berliner Band mit R um Till Lindemann Tribut zollen. Dafür -und das muss man auch mal betonen- hat ein Konzert, bei dem die Lieblingsband vorwiegend komplett Neues präsentiert, auch wieder ein wenig Nervenkitzel gebracht. Stark wie eh und je und immer wieder gut, was die Koblenzer Herren da bringen – man freut sich schon jetzt auf die 2017er Tour – dann hoffentlich mit Genre-verwandterem Support, der nicht einfach nur „okay“ ist, sondern dem „Himmelskörper“ ein paar Bruchstücke vorausschickt, die ebenfalls große Krater hinterlassen.