Festival-Mediaval X, Tag 3 – Goldberg, Selb – Bericht

Der Samstag, der 9. September 2017, zugleich der dritte Tag des Festival-Mediaval 2017, war der längste und gleichzeitig ereignisreichste Festivaltag des Jubiläumsjahres. Das Programm war von Vormittag bis nach Mitternacht dicht gefüllt. Da war es vollkommen unmöglich, alle Events auf dem Goldberg zu erleben, fand doch vieles zur gleichen Zeit statt. Wir versuchten, uns die besten Programmpunkte herauszupicken und die genossen wir mit tausenden weiteren Besuchern in vollen Zügen. Unser Konzertwettlauf begann schon zur frühen Mittagszeit mit Fuchsteufelswild aus Regensburg. Die Oberpfälzer sind spätestens seit dem Vorjahr vom Geheimtipp zum letzten Schrei auf Mittelalterveranstaltungen geworden, schließlich gewannen sie beim neunten Festival-Mediaval trotz harter Konkurrenz den beliebten Goldenen Zwerg beim Selber Nachwuchswettbewerb. Nicht weniger spektakulär verlief auch der erneute Auftritt, der stets den Award-Gewinnern zusteht, um das Festival fuchsteufelswild_08_by_zouberi-dbnsvc6im darauffolgenden Jahr zu eröffnen. Eine abwechslungsreiche Show, frisch rockig bis traditionell folkig, gepaart mit dem Erfolgskonzept des dualen Gesangs von Sänger Cordoban und Frontfrau Ella erweckte die frühen Besucher, die sich schon bald zum Tanz einließen. Mit Gastauftritten, unter anderem von Tommy Krappweis, der mit Cordoban „Ein echter wahrer Held“ performte, ward das Publikum selig beglückt, schließlich konnte somit kein Zweifel aufkommen, ob man die Regensburger auch in Zukunft wieder auf dem Mediaval sehen würde.

Nummer zwei auf unserer To-See-Liste waren Trobar de Morte auf der Hauptbühne. Die spanischen Neo-Folker geizten trotz des kalttrüben Wetters nicht mit weiblichen Reizen. Nicht nur optisch, sondern auch musikalisch hatten die Musiker aus Barcelona einiges zu bieten. Überwiegend sanfte Melodien begleitete Sängerin Lady Morte mit professionellem Gesang über Mythen, Tod und Fabelwesen. Als besonderes Schmankerl hatten auch die Spanier einen Gastauftritt mit eingeplant und zwar von niemand geringerem als der Dudelsackspielerin von Faun, Fiona Frewert. Fantasievoll und leicht verträumt stellte die Formation neben bekanntem Liedgut auch ihr aktuelles Album „Ouroboros“ vor.
Fans von Trobar de Morte hatten auch nach deren Konzert keine Verschnaufpause, denn auf der Burgbühne ging es im Anschluss mit The Moon and the Nightspirit weiter, die, auch wenn sie vom anderen Ende Europas kommen, ihren iberischen Kollegen musikalisch relativ ähnlich sind. Für uns ging sich das Konzert von TMNS leider nicht aus, aufgrund des Menschenandrangs dauerte unsere Mittagspause nämlich etwas länger.
Gestärkt ging es dann wieder zurück zur Schlossbühne, dort feierten nämlich Rhiannon nicht nur das zehnte Mediaval sondern zugleich auch ihr eigenes, 15-jähriges Bestehen. Im Gegensatz zu anderen österreichischen Bands taten sich die Spielleute aus Oberösterreich auf dem Festival noch nie schwer. Nachdem die Verständnisfrage kurz mit den Zuschauern und -hörern geklärt wurde, durfte man in den eigenen Dialekt verfallen. Somit wirkte das Quartett nicht nur exotisch sondern auch authentisch.

Des Teufels Lockvögel, ebenfalls keine Unbekannten in Selb, traten daraufhin in das grelle Bühnenlicht. Es mochte nun gleichermaßen an Marcus van Langens Zauberkünsten oder am blendenden Erscheinen der „unbekannten Schönen“ liegen, doch selbst die Wolken taten sich zumdtl_07_by_zouberi-dbntd7e Lockvögelkonzert auf. Alte Spielmannstradition traf auf Klanggebungen aus aller Herren Länder, inklusive elektrischer Gitarrenmusik. Auch Laui (Nachtgeschrei, Fiolka) ließ sich begeistern, den Auftritt der Gruppierung noch zusätzlich zu bereichern. Nachdem die Lockvögel nur eines der Projekte van Langens sind, darf man sich nicht ständig neue Musik erwarten. Doch auf dem Mediaval konnte das Trio auch ihr jüngstes Liedgut des Tonträgers „Fetus“ endlich einem größerem Publikum live präsentieren.

Während danach Entr’Act mit ihrem Projekt „L’Ouroboros“ als Walking Act in Richtung Arena zogen und dabei mit Musik und Akrobatik für ausgezeichnete Unterhaltung sorgten, feierten Dunkelschön die Veröffentlichung ihres neuen Albums „Abraxas“ auf der Hauptbühne. Das erforderte unsere Anwesenheit dort, deshalb konnten wir leider nicht mehr als einen kurzen Blick auf die französischen Straßenakrobaten erhaschen. Dunkelschön blieben dafür ihrem Namen treu und stellten uns den aktuellen Silberling in gewohnt rockiger Form vor. Mit Flöten, Nyckelharpa und Drehleier kam natürlich auch der Mittelalter-Anteil dabei nicht zu kurz.
Tibetréa waren die nächste Band, wiederum unten auf der Burgbühne. Der aufmerksame Leser merkt bereits, wir haben an diesem Tag etliche Kilometer zwischen den zwei großen Bühnen zurückgelegt. Trotz des großen Zuschauerandrangs konnten uns die Oberbayern allerdings nicht gänzlich überzeugen. Wir schoben das auf unser Nachmittagstief und beschlossen kurzerhand, dieses mit spontanen Erwerbungen am rein zufällig in Bühnennähe befindlichen Guaranaweinstand wieder zu beheben. Plötzlich war das Konzert der instrumental abwechslungsreichen Folk-Band viel zu schnell zu Ende und wir mussten uns wieder bergauf bewegen, um ein weiteres Highlight des X-ten nicht zu verpassen.

Guaranamotiviert war das allerdings überhaupt kein Problem und wir schafften es rechtzeitig zum Akustikkonzert von Lurte. Diese Spanier tarnten sich als wilde Wikinger und entpuppten sich als feierwütige Partyband. Kaum angekommen, erwischten wir uns schon selbst inmitten der begeisterten Menge. Eigentlich wollten wir zu diesem Zeitpunkt ja noch bei den beiden Herrschaften von Pampatut vorbeischauen, doch da hatten uns Lurte einen Strich durch die Rechnung gemacht. Die Show der braun gebrannten Wikinger war einfach zu gut. Was für ein Glück, dass Pampatut noch einen großen Auftritt am Sonntag geplant hatten…

Guaranawein führt (un-)glücklicherweise stets zu noch mehr Guaranawein. Und so fanden wir uns alsbald wieder beim „Zwerg“ ein, natürlich nur, weil vor dessen Stand eine weitere Show von Entr’Act  stattfand. „Chemin de traverse“ hieß die Mischung aus Musik und Akrobatik, die in der zunehmenden Dunkelheit durch die richtige Beleuchtung beeindruckend wirkte. Dieses Urteil entsprang natürlich nicht bloß unserem Guaranakonsum, auch nüchterne Anwesende konnten das schon allein ob des riesigen Trapezes bestätigen. Aus irgendeinem Grund haben wir dann dennoch leider vergessen, davon Fotos zu machen. Letzteres lag vielleicht daran, dass die halbe Backstage-Belegschaft uns schon den ginextremo_10_by_zouberi-dbntpfsanzen Tag mit ihrer steigenden Nervosität anzustecken versuchte. Schließlich waren die Szene-Urgesteine von In Extremo in Selb angekommen und schafften es von der ortsansässigen Feuerwehr bis zur hilflos überladenen Stagehand eine Unmenge an helfenden Händen zu beschäftigen. Doch das machte sich später natürlich auch bezahlt. In Form einer wuchtigen Feuershow und eines unvergleichlichen Auftrittes zum Jubiläumskonzert mit etlichen weiteren Effekten der Pyrotechnik wurden alle Beiwohnenden schlussendlich belohnt.
Dabei ging es vollkommen unter, dass die Pyrates! nebenan zu ihrem 10-jährigen mit Kanonen auf Hühnchen schossen. Außer den dadurch leicht verstörten Goldbergbuchtgoldfischen kamen allerdings keine Tiere dabei zu Schaden. Ebenfalls sehr human verhielten sich die tausenden Zuseher bei In Extremo. Das ist eine der Spezialitäten des Festival-Mediaval: trotz der gewaltigen Besucherzahlen kommt man sich nie von Menschenmassen erdrückt vor, selbst wenn der Headliner einen Szene-Hit nach dem anderen durch die kühle Nachtluft schmettert. Da fehlte keine wichtige Nummer, vom letzten Longplayer, „Quid pro quo“ bis zu den Mittelalterrockklassikern wie „Vollmond“ oder „Küss mich“ war alles dabei, dafür garantierte die extralange Show der Berliner.

Der letzte Act des Abends, oder besser der Nacht waren aber nicht InEx, sondern M.A.S.K. ab etwa 0:30 Uhr. Die Kinder waren um diese nachtschlafende Zeit bereits im Bett, wir ebenso, nachdem uns In Extremo mit Feuer und Feuereifer doch einiges an Energie gekostet hatte. Okay, nicht wirklich im Bett, noch nicht einmal im Zelt, doch die Leute, die um uns herum im Camp saßen, hatten uns allesamt versichert, dass wir oben „eh nichts mehr verpassen“ würden.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.