Ekstasis – Wirklichkeitsraster – CD-Rezension

Es gibt ja zahlreiche Entdeckungen, die einem schlicht durchgehen, wenn man sich im Black Metal-Untergrund tummelt – so begutachtet man erst gut einige Monate nach dem ersten Lebenszeichen eine Band wie Ekstasis und ist gleich extrem enthusiastisch, sich diese doch noch einmal näher zu Gemüte zu führen. Über die Schaffenden hinter der Band ist quasi nichts bekannt, lediglich, dass es das Projekt bereits seit 2010 gibt und beim eigenen Label Geisterasche beheimatet ist, die bisher nur wenige weitere Bands in der Riege haben. Die fünf Musiker mit den prägnanten Pseudonymen Chironex, Elias, Ægror, Schynderhannes und Philmriz haben bereits Ende 2015 ihr Debüt-Album Wirklichkeitsraster veröffentlicht. Hört man den Titel dessen kann man sich durchaus schon ausmalen, dass die Zeichen auf mentalen Kollaps stehen. Auch wenn wir den Release damals verpasst haben, finden wir dennoch, dass man sich dieses Werk einmal näher anschauen sollte.

Das eröffnende „Angstzustände“ wirkt tatsächlich auf den ersten Blick sehr durcheinander und zersplittert. Spätestens wenn aber nach knapp einer Minute der erhebende Leadgitarren-Part zum „In Asche geboren“-Text einsetzt, bannt das Intro-Stück in seiner glasigen Art, wie in der erschreckenden Schwingung. Hier wird untermauert, warum der Bandname gewählt wurde, wenn es heißt „Als Mensch im Urgrund verloren – ekstatisch, von Sinnen klagend“ – porträtiert wird hier auf meisterhafte Weise die Verlorenheit des Menschen allein mit den Abgründen seiner Seele, nicht aber mit typischen BM-Motiven, sondern auf erhöhtem Metaphern-Plateau und ziemlich ausgefuchst. Dazu treten die immer wieder mal eingestreuten ruhigen Passagen gesprochenen Texts, die noch einmal mehr der coolen Melodic Black-Atmo zuträglich sind, aber die auch beinahe zu oft vorkommen. Track 2 wirkt da sogar recht überfrachtet, ist aber der gleichwohl rasanteste wie am meisten einschlagende Smasher auf der Platte – so wurde „Kontrolle“ nicht umsonst ein Lyric-Video spendiert. Aggressivität reicht sich die Stücke auf der Platte hindurch die Hand mit Zurückhaltung und Wahnsinn in diversen Aufs und Abs und Tempo-Wechseln: ein hohes Niveau.

Vorwerfen kann man Ekstasis womöglich die kratzbürstige und dabei aber schön verzweifelte Gesangsart des Frontmanns, die das Textverständnis manchmal erschwert und mitunter mehr schrill und deplatziert und es einem weniger machtvoll erhaben vorkommen kann, je nachdem, welchen Maßstab man als Hörer anlegt. In ruhigeren, tempoärmeren Passagen kommt dieses Element besser rüber. Vielleicht wirkt das Mikro-Amt aber bloß so dominant und too much, weil auf instrumentaler Ebene auch alles etwas dünn wirkt, was gegebenenfalls an der Aufnahmequalität liegt, irgendwie ohne gewohnte Durchschlagskraft. So richtig mindert das aber die Qualität der Songs nicht – denn dafür gefallen die Struktur und der Inhalt viel zu sehr. Ein eher filigranes Naturell, das auch die Lyrics unterstützen soll? Schließlich geht es hier um das Zerbrechen an den Emotionen, die der menschliche Geist so durchlebt. Vielleicht doch nicht so kritisch zu beäugen, wenn man die Platte erst öfter gehört hat. Das macht eben der derzeit sehr gefragte Post- und Atmospheric-Touch ganz deutlich, der dem progressiven Songaufbau seinen letztendlich stilgebenden Anstrich verpasst. Und der gefällt verflucht gut. Ganz deutlich wird das bei „Realitätsverlust“ als Outro-Song, bei dem man sich bildlich die zerfallenden Gedanken- und Sinneskonstrukte als einstürzende Hochhäuser vorstellen kann.

„Wirklichkeitsraster“ kommt mit fünf Stücken in knappen dreißig Minuten als starkes, allerdings nicht ganz makelfreies Debüt aus dem Nichts, das sich nicht allein in atmosphärischen und stimmigen Facetten zeigt. Nein, darüber hinaus wirkt es inhaltlich durchdacht und hochinteressant, wenn man sich mit der Materie auseinandersetzt. Anspruchsvoller Black Metal, eine Odyssee des Geistes durch die verschiedenen Höllen der Psyche. Wer den Sound von Ekstasis ob seiner tiefgründigen und intellektuellen Charakteristika gleich als aufgesetzt verteufeln will, steht wohl auch nur auf banal und grobschlächtig gestrickten BM, der sich mit der Anrufung des Leibhaftigen zufriedenstellt und von Anfang bis Ende gnadenlose und zudem inhaltslose Raserei bevorzugt, ohne die Saat der Philosophie und der Psychologie einzustreuen und damit diese unter den Teppich zu kehren. Genau das macht die Platte der Herren hier so spannend. Trotzdem: Luft nach oben ist nach wie vor, vor allem eben auf der Klangebene, denn das Songwriting ist wahnsinnig vielversprechend.

Interesse geweckt? „Wirklichkeitsraster“ ist bereits seit Ende 2015 auf dem Markt, ist aber kürzlich in brandneuer Auflage erschienen – die Platte selbst kann -> hier bestellt werden.

Hier hört ihr „Kontrolle“ vom letzten Album:

 

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