E-Tropolis Festival 2017 – Turbinenhalle Oberhausen – Bericht

Am 18. März fand in der Turbinenhalle Oberhausen die siebte Auflage des beliebten E-tropolis Festivals statt. Der Pflichttermin für EBM- und Electro-Jünger stand in diesem Jahr ganz im Zeichen des Slogans „Bässer, härter, lauter“ und zog stolze 4 000 Besucher ins unsagbar verregnete Oberhausen. Das schlechte Wetter änderte jedoch nichts daran, dass die Schwesterveranstaltung des Amphi Festivals wieder mal ein absolutes Highlight war. Zwar mussten sich die Besucher zunächst durch eine unwirtliche Matschwüste, die einmal der Parkplatz der Turbinenhalle gewesen war, zur Location kämpfen, aber im Inneren herrschte umgehend eine ausgelassene Stimmung, die den Rest des Tages nicht mehr abklang.

Von den monsunartigen Regenfällen einmal abgesehen hatte kaum ein Besucher des Festivals größere Probleme die Turbinenhalle pünktlich zum Einlass in der Mittagsstunde zu betreten. Lediglich Teilnehmer der Pre-Party könnten mit AMNISTIAverminderten Energiereserven in die Electro-Versammlung gestartet sein, doch das Stimmungsbarometer gab darüber keine Auskunft. Den Einstand feierten die Massen mit Amnistia auf der Haupt- und der Wulfband auf der Nebenbühne. Die Leipziger Formation gab auf der Main Stage in der Hauptsache Nummern ihrer aktuellen Scheibe Dawn zum besten und unterhielt die Zuschauer mit einer motivierten und kraftvollen Show. Wem das zu harmonisch war, fand in den Tracks der Wulfband seine Erfüllung. Die mit Sturmhauben maskierte Combo lieferten auf der Second Stage ihre szeneintern berüchtigen EBM nach alter Schule und jeder Menge Anarcho-Attitüde ab. Die Schwedendeutschen polarisierten mit ihren disharmonischen Kompositionen, doch wer sich dafür begeistern konnte, brach vor der Bühne in breitesten Jubel aus. Dennoch leerte sich der Zuschauerraum gegen 15 Uhr, da es leider eine zeitliche Überlappung mit dem Auftritt der ersten Genre-Ikone gab. Aus eher unerklärlichen Gründen spielten auf der Hauptbühne nun Centhron zu einer verhältnismäßig frühen Stunde und das Publikum schwappte wie eine Welle zu den Kultmusikern hinüber. Die gefeierte Aggro-Tech-Gruppe um Elmar Schmidt belohnte ihre treuen Fans damit, dass sie sämtliche der frivolen Stücke spielte, die wegen ihrer all zu plastischen Texte oftmals in der Kritik stehen: „Cunt“, „Pornoqueen“ und „Dreckstück“ lösten wahre Begeisterungsstürme beim aufgedrehten Szenevolk aus. Doch neben dem Best-Of präsentierte die 2001 gegründete Formation auch einige Nummern des neuen AlbumsAllvater, darunter auch den zugehörigen Titeltrack. Große Überraschungen gab es dabei nicht, denn auch mit den aktuellen Erzeugnissen blieb sich das Harsh-Techno-Trio treu – und präsentierte aggressiven Sound mit provokanten Lyrics.

Eher an der Schnittstelle zwischen Goth und EBM befand sich dagegen Cryo, dessen düstere Bühnenmelancholie gerade jene Besucher anzog, die vor der Wulfband und Centhron geflohen waren. Einen ersten Höhepunkt des E-tropolis markierte dann die Vintage-Show der Genre-Urgesteine In Strict Confidence. Die Band um Dennis Ostermann hatte bereits seit einer Weile vorgehabt, den älteren Stücken mal wieder mehr Raum in den Live-Performances einzuräumen und ließ in der Turbinenhalle mit Klassikern wie „Zauberschloss“ oder „The Truth Inside Of Me“ die Herzen der Zuschauer höher schlagen. Wenngleich zwar einige besonders alte Stücke wie „Kiss Your Shadow“ oder „Industrial Love“ in der Setlist auftauchten, setzten die Altmeister jedoch ihren ursprünglichen Plan nicht in Gänze um, denn statt der Frühwerke bekam die Masse hauptsächlich Werke aus den frühen 2000ern auf die Ohren. Der Freude tat das allerdings keinen Abbruch, denn das Gros der Stücke war bereits einige Zeit nicht mehr live gespielt worden.

Nach diesen ersten Konzerten wurde das Programm keineswegs unterbrochen, doch der ein oder andere Zuschauer benötigte bereits eine erste Pause. Das Angebot stellte dabei sämtliche Besucher zufrieden – auf der Gastro-Meile gab es Getränke von Kaffee bis Bier und verschiedenste Gerichte, um die Kraftreserven wieder aufzutankenTHE INVINCIBLE SPIRIT, während in der Händler-Halle die Shoppingwütigen den begehrten Merch abstauben konnten. Das einzige große Manko war wie immer die Spind-Situation in der Turbinenhalle: Zum einen war der Platz gerade für eine solche Großveranstaltung wie üblich viel zu limitiert, zum anderen war die Durchsetzung der Schlüsselpfand-Regelung äußerst unangemessen, wenn man bedenkt, wie gering die Schrankgröße letztlich ausfiel. Wer seine Beine etwas vertreten hatte, konnte an dieser Stelle noch die letzten Songs von The Invincible Spirit an der Second Stage mitnehmen oder begab sich gleich zum Gig der Future-Pop-Gentlemen Solitary Experiments. Die stets adrett gekleideten Herren in den roten Hemden bewiesen in ihrem 45-minütigen Auftritt wieder mal, dass sie ihr Motto „serving electro sounds with attitude“ äußerst ernst nehmen. Die Performance der Truppe aus Frankfurt an der Oder gehörte zweifelsohne zu den besten des Tages und Songs wie „Delight“ oder „Trial and error“ blieben noch lange nach der Veranstaltung im Ohr.

Etwas militärischer ging es dagegen auf der Nebenbühne zu, als Tyske Ludder dort Einzug hielt. Die irgendwo zwischen Cyberpunk und Neuer Deutscher Härte fluktuierende Band überzeugte mit ihren Songs „Panzer“ und der Adaption des Klassikers „When Johnny Comes Marching Home“, die bei Tyske Ludder schlicht „March“ hieß. Andere Gruppen, die ordentlich Beifall ernteten, waren Solar Fake mit einer Präsentation des aktuellen Albums Another Manic Episode und [x]-Rx mit bewusst rohen Sounds bei Songs wie „Virus Infect“ oder „Escalate“. Hektisch wurde es für die Bühnentechnik, als Agonoize sich auf der Main Stage die Ehre gaben. Wie üblich musste nämlich jeder Quadratzentimeter der Bühne und des Grabens vor dem Kunstblut-Massaker des Frontmanns geschützt werden. In Mitleidenschaft gezogen werden konnten die Fotografen jedoch nicht, denn die Band hatte dazu aufgefordert, lediglich von den Emporen oder dem Seitenrand aus zu fotografieren. Bei der bis auf den letzten Platz gefüllten Show präsentierte die Combo schließlich unter lautem Jubel die Kulttracks „Koprolalie“, „Femme Fatale“, „Bis das Blut gefriert“, aber auch das zNEUROTICFISHwiespältig zu betrachtende „Deutsch“ und ein wahrhaft gruseliges Cover der Liebeshymne „I Was Made For Lovin‘ You“. Leider gab es während des gesamten Auftritts wenig von den Vocals zu hören, weshalb die hinteren Reihen auf die Textkenntnisse der eingefleischten Fans vertrauen mussten, um Agonoize gebührend feiern zu können.

Trotz des technischen Mangels hatte Agonoize die Menge ordentlich angeheizt, sodass diese bei Beginn der Faderhead-Performance bereits kurz vor der endgültigen Ekstase standen. Doch nicht nur deren „Destroy, Improve, Rebuild“, auch Neuroticfishs Gig löste rundum Glücksgefühle bei den Besuchern aus. Die Zeit verging nun wie im Flug und man ging mit großen Schritten aufs Finale des E-tropolis zu. Der erste Headliner war Covenant aus Schweden. Diese hatten trotz aller Vorsichtsmaßnahmen doch noch einige Mühe, durch die restlichen Blutspuren der vorangegangenen Show auf der Main Stage nicht zu Fall gebracht zu werden, verschafften den Zuschauern allerdings dennoch ein großartiges Klangerlebnis. Die Future-Pop-Formation um Eskil Simonsson hüllte die Turbinenhalle mit ihrer aufwendigen Lightshow in eine zauberhafte Atmosphäre ein, die perfekt zu Liedern wie „Call The Ship To Port“ und „Figurehead“ passte. Etwas weniger Aufsehen erregend, aber mit ebenso großem Erfolg besiegelten die Belgier Front 242 das Ende des offiziellen Teils des E-tropolis Festivals. Die EBM-Größe ließ die Turbinenhalle noch bis 1 Uhr zu ihren satten Beats und Hits wie „Body To Body“ oder „Head-hunter“ erbeben, ehe die Aftershow-Party startete, welche die Tanzwütigen noch bis 4 Uhr früh auf Trab halten sollte. Ein großartiger Abschluss für ein ebenso grandioses Festival!

 

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