Diary of Dreams zählt wohl mittlerweile zu den Konstanten der schwarzen Szene. Seit 1989 macht die Band um Adrian Hates nun die Bühnen der düsteren Festivals unsicher. Zunächst schwamm die Band noch auf der dunklen Welle, doch seit einigen Jahrzehnten finden vermehrt musikalische Elemente des Future Pops in ihre Songs Eingang. Ein Wandel, der sich augenscheinlich gelohnt hat, wenn man sich die feiernden Fans beispielsweise auf dem Amphi Festival anschaut. Nachdem 2014 und 2015 gleich zwei Alben direkt hintereinander erschienen waren, ist es nun zwei Jahre lang etwas stiller um Diary of Dreams geworden. Vereinzelte Auftritte und ein Live-Album verhalfen den Fans aber über diese Wartezeit hinweg. Nun konnten sich Anhänger der dunklen Musik in diesem Monat aber endlich wieder freuen, denn das neue Album „Hell in Eden“ stand in den Startlöchern. Am 6. Oktober erschien der neue Silberling via Accession Records, dem Label des Sängers Adrian Hates. Ob die Platte etwas taugt, lest ihr nun hier in der Rezension. So viel sei aber schon mal verraten: Die Musik geht tief in die Seele und braucht etwas Zeit zum verarbeiten.

Mit dem Song „Made in Shame“ beginnt das Album durch düstere Klänge, die lauter werden und wie ein drohender Sturm heranrollen. Dass der Gesang zunächst mit einem unheilvollen Klang hinterlegt ist, lässt einen beim Hören einen zusätzlichen Schauer über den Rücken laufen. Nach dem Intro dominieren dann aber elektronische, langsame Töne, die durch sanften, beinahe gesprochenen Gesang überlagert werden. Interludien zwischen den Strophen lassen den Song gedehnt wirken, sodass eine gewisse Grundspannung aufgebaut wird. So werden die insgesamt drei kurzen Strophen auf eine volle länge von fast 6 Minuten gezogen und erst zum Schluss wird deutlich, worum es in diesem Lied eigentlich geht: Nichts hören, nichts sehen, nichts sagen! Die Botschaft wird durch düstere, treibende Klänge und die wenigen Worte tiefgründig deutlich.
Um so rasanter wird es dann mit „Epicon“, der wirklich mit epischen Klängen aufwartet. Man fühlt sich gleich in eine phantastische Welt hineinversetzt, die an eine düstere Schlacht á la Herr der Ringe erinnert. In den Strophen hingegen verliert sich dieser Eindruck wieder, da Adrians Gesang die Stimmung des Heroischen in eine düstere Atmosphäre verkehrt. Dann wird auch klar, dass es sich nicht um eine epische Schlacht zwischen zwei Heeren handelt, sondern um eine ganz persönliche Welt, die in Flammen steht. Dies wird auch durch das Musikvideo deutlich. Auf unheilvolle Art klagt der Song an, es verschwimmen Realität und Traum und Gefühle werden zu Stein. Die zwischenzeitlich geshouteten Fragen und die Rückkehr der epischen Klangelemente zeigen Verzweiflung, Anklage und vielleicht ein wenig Hoffnung. Durch den eher monoton gesungenen Refrain ergibt sich zusätzlich noch ein Gefühl der Routine und Befangenheit. Es ist geradezu unglaublich, wie sehr einem simple Klänge von E-Gitarre mit elektronischen Elementen eine musikalische Wand aus Gefühlen entstehen lassen kann, die den Hörer schlichtweg überrollt.

Musikalisch etwas eintöniger erklingt das Intro von „decipher Me“, das einem simplen Rhythmus folgt. Erst der Gesang, der teilweise mehrstimmig zu sein scheint, verwandelt den Track in einen melodischen Song. Wiederkehrende Töne des Keyboards bewirken dabei in Interludien, dass sich die Musik in das Hirn einbrennt, ohne dass man zunächst auf den Text achtet. Es wirkt wie ein Titel, der zum Träumen und auch zum ruhigen Tanzen animiert, doch steckt noch einiges mehr dahinter. Die Botschaft benötigt allerdings etwas Zeit, um das Herz zu erreichen. Gut, dass daraufhin der Titeltrack „hell in Eden“ mit um so träumerischeren Tönen aufwartet. Als einziger Song in deutscher Sprache, fällt er doppelt auf. Melancholische und ruhige Töne, die nur von einem ganz leichten Beat getragen werden, bieten die Plattform für einen der tiefgründigsten Texte des Albums. Adrian Hates beschreibt Eden nicht als Ort, sondern als Maschine, die funktioniert, dessen Schatten aber mit jeder Tat größer wird, bis sie alles verschlingt. Mit der richtigen Person an seiner Seite ist es aber möglich, ein wenig Licht in das Dunkel zu bringen. Man muss nur darauf achten, sich nicht selbst zu verlieren und deshalb treibt einem besonders dieser Song beim intensiven Hören gut und gerne schonmal die Tränen in die Augen.
Anders verhält es sich mit „perfect halo“, das mit ruhigen Tönen beginnt, um dann einen treibenden Beat zu erhalten, der zwar keinen harten Bruch zum Lied davor bietet, aber doch ganz anders anmutet. Zumindest musikalisch hat der Track nichts Melancholisches mehr auch wenn der düstere Gesang eine andere Sprache spricht. Viel mehr beinhaltet der Song aber einen aufstrebenden Gedanken und Hoffnung, der sowohl durch Text als auch durch die ‚helle‘ Musik in die Welt getragen wird. Einen krassen Gegensatz dazu bietet dann wieder „Best of Prey“, das sich dieses Mal aber nicht auf das Ich selbst richtet, sondern einem anderen den Spiegel vorhält. Mit Echo behafteter Gesang und sanfte Klänge jagen einem zu Beginn eine Gänsehaut über den Rücken. Ist es die Trauer, die aus den Zeilen spricht, das Bedauern oder die Anklage? In diesem Song lässt sich sicher vieles finden, doch beginnt man über sich selbst nachzudenken, während der Track weiter ruhig bleibt und das Grübeln nur weiter anstachelt. 

Etwas rasanter geht es dann bei „listen and scream“ weiter, das sich durch schärfere elektronische Elemente von dem Song zuvor abhebt. Zwischentöne, die wie eine Eule klingen, bringen Ruhe und etwas Geheimnisvolles in den Song, der mit treibendem Beat und teilweise geshouteten Parts eine neue Botschaft trägt. Es geht um Lügen, Intrigen und die Auswirkungen von Enttäuschungen, niemanden mehr in sein Herz zu lassen. Auch musikalisch trägt das Lied eine Abwehrhaltung, die durch die teils abgehakten Textzeilen hervorgehoben wird. Bei den „Traces of Light“ hingegen wird die Musik zunächst wieder ruhiger und sanfter. Die Stimmung wirkt nicht mehr so aufgeheizt, sondern eher wie die Suche nach etwas Neuem. Gleichzeitig hält sich der Text an einem anderen Individuum fest, das in der Lage ist Licht zu bringen. Gleichzeitig benötigt man nichts anderes als Zweisamkeit, um Eden ein wenig zu erhellen.
Andersherum ist „mercy me“ dann das gegenteilige Versprechen, auf den anderen aufzupassen. Gleichzeitig wird sich entschuldigt, denn jeder ist nur ein Mensch und hat seine Fehler, doch der eingeschlagene Weg ist entscheidend und wer diesen mit einem geht, obwohl man von all der Finsternis weiß. Musikalisch ist der Track ähnlich wie „decipher me“ wieder sehr eingängig, ohne dabei aber langweilig zu wirken.
Mit „Bird of Passage“ gibt es dann eine weitere Ballade, die einen in tiefere Dunkelheit zieht, als die Songs zuvor. Sanfte, hellere Elemente erwecken allerdings musikalisch das Gefühl, man befände sich am Abgrund, sähe aber einen Lichtschein am Horizont. Der düstere und beinahe monotone Gesang erzählt hingegen vom Ende und vom Loslassen. Im Verlaufe des Songs beschleunigt sich dann aber das Tempo, sodass man tatsächlich das Gefühl eines Wiederaufstehens bekommt. Anders bei „Sister Sin“, das gleich von Anfang an rasanter daherkommt und mit treibendem Beat vorwärts schreitet. Besonders der Refrain brennt sich schnell in das Hirn ein, weil dieser alle Botschaften des Albums zu vereinen scheint. Gleichzeitig erhält der Song einen Part des Epischen, der seit „Epicon“ eher verloren gegangen war. Die Epik verliert sich dann bei „Nevermore“ auch gleich wieder und wird durch einen Hilferuf ersetzt. Derjenige, der einen fixen kann, kann einen gleichzeitig auch zerbrechen. Einzig allein zählt das Vertrauen, dass dies nie passiert. Der Song besticht auf musikalischer Ebene aber durch eingängigen Rhythmus und schnelleren Gesang im Refrain, sodass der Track wie eine Welle mal schnell mal langsam seine Botschaft erzählt.
Der letzte Song des Albums „Hiding Rivers“, zu dem ebenfalls ein Musikvideo erschienen ist, rundet das Album durch hübsche Geigenklänge wieder ab. Der Song hat nichts Aggressives, nichts Hoffnungsvolles, nur etwas Düsteres, das die Seele befällt und einen nicht mehr loslässt. Denn die Schatten werden bleiben, wenn man niemanden hat, der einen auffängt, wenn ein Stück der Seele fortgerissen wird.

Fazit: „hell in Eden“ hat es in sich. Jeder einzelne Song ist so überladen mit Botschaften und Gefühlen, dass man wirklich einige Zeit braucht, um das volle Ausmaß zu verstehen. Diary of Dreams haben es mit dem Konzeptalbum rund um die Maschine Eden geschafft, jeden Song düster zu gestalten, ohne sich zu wiederholen. Sowohl musikalisch als auch textlich sind die 13 Songs perfekt aufeinander eingestimmt und erzählen von den vielen Facetten. Zwar wird hauptsächlich mit melancholischen Gefühlen gearbeitet, doch bietet das Album nicht nur Zeit zum Weinen und zum Nachdenken, sondern auch zum Hoffen und Tanzen. In jedem Dunkel wartet ein Licht darauf, erhellt zu werden.
Für alle, die Diary of Dreams bislang begeistert verfolgt haben, ist diese CD auf alle Fälle ein must-have! Hat euch die Musik bislang nicht so gefesselt, wird „Hell in Eden“ dies auf jeden Fall tun. Man muss sich zwar ein wenig auf die Thematik und die Komposition der Songs einlassen, aber wer es ein wenig düster mag, ist hiermit an der richtigen Adresse. Hier kann ich persönlich eine volle Empfehlung aussprechen, denn mich hat die Scheibe vollkommen vom Hocker gerissen und überzeugt, sodass ich es in Dauerschleife hören musste, um jede Botschaft zu verstehen und die Klangwelten zu verinnerlichen.