Rock und Regen: Voller Erfolg beim Castle Rock Festival

So ein bisschen Regen schreckt doch echte Rocker nicht: Ungeachtet der bescheidenen Wetteraussichten bevölkerten am vergangenen Wochenende Gothic-, Rock- und Metalfans von nah und fern den Burghof zu Schloss Broich in Mülheim an der Ruhr, um ihre musikalischen Helden zu feiern. Zum 18. mal hatte Organisator Michael Bohnes ein Line-Up aufgestellt, bei dem für jeden Geschmack etwas dabei war. Dieses glückliche Händchen, der unermüdliche Einsatz der Crew und die Treue der Festival-Stammbesucher haben das Castle Rock weit über das Ruhrgebiet hinaus zu einem der wichtigsten Szenefestivals im Land gemacht.

Dass ein eingespieltes Team hinter den Kulissen die Fäden hält, sah man an der reibungslosen Organisation. Als die Neue Deutsche Härte-Band Maerzfeld am späten Freitagnachmittag das Festival eröffnete, waren sie auf die Minute pünktlich. Maerzfeld werden im September ihr neues Album „Nackt“ veröffentlichen und spielten bereits einige Titel daraus. Die eingängigen, starken Melodien und Texte kamen beim begeisterten Publikum sehr gut an. Ab Oktober sind Maerzfeld als Support von Heldmaschine auf Tour und werden sicher den einen oder anderen Zuschauer vom Castle Rock wiedersehen. Aus Österreich waren Serenity angereist und die nächsten auf der Bühne. Trotz Stau und holländischen Wohnwagen stand die Band pünktlich parat, um Stücke aus ihrem aktuellen Album Codex Atlanticus zum Besten zu geben. Zugleich wurde der Release eines neuen Albums Ende Oktober angekündigt – im Anschluss daran sind Serenity mit Delain auf Tour. Die Band bot opulente, symphonische Klänge mit einer energiegeladenen Performance und rissen mit ihrer Power das Publikum mit.

Im Anschluss an die Symphonic-Metaller standen Darkhaus auf der Festivalbühne. Die Dark-Rock Band, 2014 vom Sonic Seducer zum Newcomer des Jahres gekürt, spielte sehr straight und ohne größeren Dialog mit dem Publikum, das zwischenzeitlich den Burghof gut ausfüllte. Darkhaus sind keine Neulinge auf dem Castle Rock: Bereits im Vorjahr war die Combo auf dem Festival zu Gast und überzeugte mit rockigen, gefühlvoll-melodischen Songs die begeistert mitfeiernde Fangemeinde. Zum ersten Mal auf einem Festival war hingegen The Dark Tenor. Mit  aufwändiger Bühnendeko und spektakulären Lichteffekten und Flitter-Fontäne präsentierte der stimmgewaltige Sänger eine berauschende Fusion aus Rock und Klassik-Versatzstücken. Orff, Tschaikowsky, Grieg, Bach und wie sie alle heißen: The Dark Tenor verneigt sich vor den alten Meistern und schafft mit charismatischer, sehr sympathischer Performance und informativer Moderation einen eigenen Sound, ohne in Kitsch abzugleiten. Nach der großen Ankündigung des ‚dunklen Tenors‘ auch im Fernsehen, hatte man sich allerdings noch ein bisschen mehr erhofft. So fehlte beispielsweise die auffällige Maske, die man von Promofotos kannte. Den vielen gesichteten Fan-Shirts nach war jedoch dennoch ein großer Teil des Publikums angereist, nur um den Headliner zu feiern – sie wurden nicht enttäuscht.

Während sich das Wetter am Freitagabend, abgesehen von ein paar Regentropfen, noch recht stabil zeigte, war am Samstag abzusehen, dass nicht nur das Bier in Strömen fließen würde. Gänzlich unbeeindruckt vom stetigen Fisselregen eröffneten die Herren von Hemesath den zweiten Festivaltag mit Oldschool-Hardrock vom Feinsten. Die Rock-Recken zogen das Publikum auf dem zu dieser Zeit bereits gut gefüllten Burghof mit melodisch-gitarrenlastigem Sound und martialischen Texten in ihren Bann. Im Herbst werden Hemesath auf „Herbststurm“-Tour sein: Ein Musikereignis, das Genrefans viel Spaß machen wird. Anschließend wurde es noch ein wenig düsterer auf der Bühne: Mit Nox Interna erschien eine Band mit einer lebhaften Performance zu düster-melancholischen, emotionalen Melodien. Frontmann Richy Nox faszinierte mit wandlungsfähiger Stimme und sorgte auch für Bewegung und bizarre Bilder auf der Bühne. Da wurde ein Regenschirm herumgewirbelt, mit bizarren Handschuhen gestikuliert, ein Portrait zerstört und am Ende ein wenig Deko zertrümmert. Bei der Zugabe, einem Cover von Heroes del Silencios „Entre dos tierras“ kannte auch das Publikum kein Halten mehr.

Nun wandelte sich der Stil der auf der Bühne dargebotenen Musik, als Erdling anschließend die Bühne übernahmen. Noch recht frisch, nämlich erst 2015 von Ex-Stahlmann-Mitgliedern gegründet, veröffentlichte die Formation im vergangenen Jahr ihr Debütalbum Aus Den Tiefen. Frontmann Neill Freiwald, der nach eigenem Bekunden schon oft als Musiker und Gast auf dem Castle Rock war,  kündigte an, dass die Band im Herbst auf erster Headliner-Tour sein werden. Mit düster-martialischen Sounds und Texten, die emotional unter die Haut gehen, faszinierten Erdling das Publikum.

Der zwischenzeitlich wieder einsetzende und stärker werdende Regen schreckte die Rock-Gemeinde nicht: Vlad in Tears aus Italien präsentierten Dark Metal Rock, unter anderem vom aktuellen Album Unbroken und jonglierten mit dröhnenden Bässen, Vocals, mal schmeichelnd, mal energisch und starken Melodien. Während ein großer Teil des Publikums Zuflucht unter den Dächern der Bierwagen suchte, wurde den Fans vor der Bühne mit Pyroeffekten und treibenden Klängen ordentlich eingeheizt. Die nun folgende Band, Aeverium aus Viersen, hatte keine allzu weite Anreise und überzeugte mit ebenso viel Feuer wie Vlad in Tears. Die Stimmen von Frontfrau Aeva und Sänger Marcel „Chubby“ Römer kontrastierten reizvoll zu epischen, bombastischen Klängen. Die Band, die erst kürzlich mit Lord of the Lost auf Tour war, kündigte ihr demnächst erscheinendes neues Video zum Song „Hunted“ an und wird demnächst auf dem Dong Open Air und in Wacken auftreten. Als Zugabe gab es eine Coverversion von Lady Gagas „Paparazzi“.

Den sicherlich bizarrsten und kontroversesten Auftritt des Tages lieferten, wie zu erwarten war, die Herren von Ost+Front. Mit verstörender Bühnenpräsenz, Kostümierung und Bühnendeko mit militärischen Elementen und schockierenden, plastischen Texten und wuchtigem Sound riss die offensichtlich rammstein-inspirierte Neuer Deutsche Härte-Band das Publikum mit. Das bekam während des Konzertes rote Riesen-Ballons zum Spielen, die nicht nur mit Luft gefüllt waren. Ein zu spitzer Fingernagel hatte dann auch ein (Kunst-)Blutbad im Publikum und leider auch an der Burgmauer ausgelöst. Geradezu zahm kam im Vergleich dazu die folgende Band daher. Crematory sind vom Castle Rock nicht wegzudenken – mehrfach stand die Band um Gerhard „Felix“ Stass, den Sänger mit der Supergrowl-Stimme aus der Hölle, bereits in Broich auf der Bühne. Auch diesmal bot die bereits seit 1991 bestehende Band Gothic Rock’n’Roll vom Feinsten und präsentierte mit Tosse Basler an der Gitarre und Bassist Jason Mathias zwei exzellente neue Mitstreiter. Das Publikum feierte die Platzhirsche des Festivals. Besonders dem kleine Nachwuchs-Metaller, der mit formvollendeter Pommesgabel-Gestik auf Papas Schultern mitrockte, war die Begeisterung anzusehen. SMoonspell-8chön zu sehen, dass dem Genre der Nachwuchs wohl nicht ausgehen wird.

Überhaupt ist positiv anzumerken, dass das Castle Rock Publikum sich ausgesprochen verantwortungsvoll verhielt: Die (wenigen) anwesenden Kinder waren ausnahmslos gut mit Gehörschutz versehen, nirgends fiel jemand unangenehm durch aggressives Verhalten auf. Währenddessen bahnte sich endlich auch die Sonne einen Weg durch die Wolken.

Aus Lissabon nach Mülheim angereist und endlich als Headliner auf der Bühne, beendeten Moonspell den zweiten Festivaltag. Die Dark/Gothic-Metal-Rocker legten ohne viele Umschweife los und boten der begeisterten Menge ein Special-Set mit einem Querschnitt durch die langjährige Bandgeschichte. Melodische Sounds mit melancholischer, düster-dramatischer Grundstimmung und die angenehme und vielseitig chargierende Singstimme von Frontmann Fernando Ribeiro machten den Auftritt zu einem musikalischen Genuss. Optisch machten Pyroeffekte und der Einsatz von Laser-Handschuhen einiges her. Der Abend endete stilecht mit einem Song, der den Vampiren gewidmet war.

Am 29. und 30. Juni 2018, so wusste zum Ende des Festivaltages Veranstalter Michael Bohnes unter großem Applaus zu verkünden, wird das Castle Rock in die 19. Runde gehen, dann mit Bands wie Lacuna Coil, Stahlmann, Tanzwut und Beauty Of Gemina.

Fazit: Einmal mehr bewies das Castle Rock, wie ein kleines, feines Festival die Massen begeistern kann. Die hervorragende Organisation, das abwechslungsreiche Musikangebot und die umsichtige Planung auf dem Gelände machen das Castle Rock immer wieder zu einem entspannten, familiären Szenetreffen. Einzig die Situation der Sanitäranlagen bleibt ein locationbedingtes Problem: Zu wenig WCs im Schlossgebäude für das Festivalpublikum sorgten für lange Schlangen an einem langen musikalischen Tag.
Alle Fotos von diesem fulminanten Wochenende findet ihr in unserer Galerie (-> hier).