Inmitten ihrer Festival-Shows in ganz Europa gab sich niemand Geringeres als das Punk- und Alternative Rock-Quartett Billy Talent am Montag, 7. August, die Ehre einer Stippvisite im Ruhrgebiet. In der Westfalenhalle Dortmund zelebrierten die Fans die unzähligen Highlights der Gruppe, die aus Club-Besuchen bekannten Dauerbrenner, wie auch eine Handvoll neuer Stücke vom vor rund einem Jahr veröffentlichten, aktuellen Album Afraid of Heights. Wer dieses Jahr nicht die Gelegenheit hat oder hatte, die Jungs auf großen Festivals wie dem Deichbrand, dem Open Flair oder dem Highfield zu erleben, hatte hier nun Gelegenheit auf eine Exklusiv-Show. Wir waren für euch vor Ort.

Während die große, mehr als 15000 Besucher fassende Westfalenhalle 1 sich nach und nach, sowohl im VanHolzen-8Stehplatzbereich als auch auf den Rängen füllte, machte sich zunächst der relativ kurzfristig bekanntgegebene Support Van Holzen bereit, das Publikum ordentlich auf den Haupt-Act einzustimmen. Die Ulmer Deutschrocker mit ihrem kompromisslosen, schlagkräftigen, beinahe Thrash Metal-entlehnten Sound präsentierten ihr Debüt-Album Anomalie, welches Anfang des Jahres erschien – melancholisch, anspruchsvoll, beinahe ohne leichten Zugang kamen allerdings die Stücke wie „Herr der Welt“, „Jagd“ oder „Masquerade“ daher, sodass die Besucher nur wenig tanzen und abgehen konnten. Nicht, dass die Musik der drei Herren aber Vereinzelte im Saal nicht abgeholt hätte, die lauthals die Songs mitsingen konnten. Vielleicht fehlte Van Holzen etwas die leichtfüßige Punkt-Attitüde, der rasante Esprit, der den Hauptakteuren des Abends nun mal zu eigen ist. Wer aber auf nachdenkliche Lyrics und energische Performances steht, wird mit dem Support glücklich geworden sein. Der Rest holte sich Bier und machte Stimmung, bis Billy Talent die Stage enterten.

Gegen Viertel nach 9 verdunkelte sich die Halle und Gitarrist Ian D’Sa ging schnurstracks im Spotlight auf die Bühne und begann mit den ersten Noten vom Klassiker „Devil In A Midnight Mass“, ehe das Banner zu Boden stürzte und die restlichen Musiker enthüllte. Billy Talent sind Garanten für im wahrsten Sinne des Wortes atemberaubende, schweißtreibende und von der ersten Sekunde an hochwertige Shows – und das stellten sie auch an diesem Abend in Dortmund unter Beweis. Im Grunde ist ja egal, ob man Anhänger der Band ist und somit jeden einzelnen Song zu Hause tausend Mal rauf und runter gehört hat, oder lediglich die Evergreens aus Disco-Besuchen oder dem Radio kennt – eine Show von diesen Kanadiern besteht im Prinzip ja ohnehin nur aus Hits und Songs, die mitreißen. Kein Wunder, nach fünf Alben, welche allesamt gespickt sind mit Liedern, die den Hörern nicht mehr aus dem Kopf gehen, und deren Verkaufszahlen in aller Welt für sich sprechen.

Nach „This Suffering“ und dem Opener des 2016er Albums „Big Red Gun“ war bereits klar, dass das Set des Abends, ähnlich wie bei den Festival-Auftritten rund um den Termin, ein bunter Mix aus „Alt“ (so man bei Billy Talent bereits das Adjektiv benutzen möchte) und Neu werden würde. Fans erster Stunde wurden mit „The Ex“ oder „Try Honesty“ bedient – oder dem nach einer emotionalen Ansage an die jüngsten Tragödien um die Todesfälle von Linkin Park-Frontmann Chester Bennington und Soundgarden-Sänger Chris Cornell gewidmeten „Nothing To Lose“. Neben „Surprise Surprise“ waren aber auch „Ghost Ship of Cannibal Rats“ als jüngste Single-Auskopplung, „Rusted from the Rain“ odBilly Talent-2er “Devil on my Shoulder” große Highlights des Abends. Die reguläre Show wurde nach 19 Stücken mit dem wohl bekanntesten Hit “Red Flag” beendet, zu dem auch einige im Saal eine rote Flagge zückten und diese in den vielen Circle Pits und Pogo-Balzplätzen in die Höhe hielten. Als Zugabe folgten noch „Fallen Leaves“ und der „Viking Death March“ – denn so fix wollte das noch immer hungrige Publikum ihre Lieblingsband nicht von dannen ziehen lassen. Artig verbeugten sich Billy Talent bei ihren treuen Fans, ehe sie die Weiterreise antraten.

Fazit: Billy Talent-Shows sind derart vollgepfropft mit starken, schnellen und catchy daherkommenden Songs, dass man keine Ruhepause bekommt – allenthalben dann, wenn man nur Sitzplatz-Tickets für die Show bekommen hat, und selbst da hielt es niemanden auf den Stühlen. Auch wenn Frontmann Benjamin Kowalewicz bei „The Crutch“ noch meinte, er hätte mittlerweile graue Haare im Bart und graue Haare in seinen Schamhaaren, rockt die Ausnahme-Combo nach wie vor und liefert eine Performance ab, die sich gewaschen hat. Support Van Holzen war nicht gerade hervorstechend, aber spielte auch eine solide Show, dennoch sollte im Vorprogramm von Billy Talent mehr Power und vor allem mehr unbändige Impulsivität stecken. Gerne wieder!