Vita Nigra

Amphi Festival 2015, Tag 1 – Amphi Eventpark – Bericht

Am vergangen Wochenende war Köln wieder Sammelpunkt für alle schwarzen Seelen und Liebhaber der Gothic- & Electro-Musik der Republik beim diesjährigen Amphi Festival. Neben dem Leipziger WGT, dem M’era Luna und dem Blackfield gehört das Festival am Rhein zu den größten Events der Szene bundesweit. Bis 2014 war der Tanzbrunnen direkt am Flussufer Veranstaltungsort des Festivals – und bei allen Göttern, was war das für ein polarisierender Einstand an der neuen Location an der Lanxess-Arena!

Kaum wurde ein Festival der schwarzen Szene in den vergangenen paar Tagen kritischer und hartnäckiger in den sozialen Netzwerken kommentiert und wild diskutiert -sowohl gelobt, als auch auseinandergerissen- wie das 11. Amphi Festival in diesem Jahr. Vor allem stand eigentlich für die Veranstalter eins auf der Agenda: die Prüfung vor den Besuchern und Anhängern des Festivals zu bestehen, ob die edle Konzert-Arena sowie das Gelände drum herum einen würdigen und vor allem gleichwertigen, wenn nicht gar besseren Nachfolger für die frühere Örtlichkeit abgeben könnte, nachdem man dem Ortswechsel überwiegend skeptisch gegenübertrat. Dass ausgerechnet am Samstag, Tag 1 des Festivals, Nordrhein-Westfalen von einem heftigen Unwetter heimgesucht wurde, woraufhin die Stadt Köln alle Außenbereiche hatte sperren lassen, das konnte im Vorfeld der Planung niemand ahnen und dafür kann auch niemand etwas. Ungut natürlich trotzdem, dass ausgerechnet der Eröffnungstag nur in den Innenbereichen der Arena stattfinden konnte – die Acts, die für draußen auf der „Green Stage“ und der „Orbit Stage“ geplant waren, wurden umgelegt oder abgesagt, je nach kurzfristiger Möglichkeit. Ebenso waren die meisten Gastro- & Händlerstände draußen geschlossen. Wer die Lanxess-Arena schon einmal durch das eine oder andere Großkonzert kennen gelernt hat, der weiß, dass die gewaltige Anlage mit Sicherheit Vor- und Nachteile birgt, aber alle Besucher drinnen unterzubringen, das war die einzige Alternative der Veranstalter hier. Dass das naturgemäß sehr voll wurde und kein richtiges Festival-Feeling aufkam, war leider die Konsequenz, mit der sich alle Beteiligten arrangieren mussten. Ob das Amphi trotz der in den Weg geworfenen Steine ein angenehmes und tolles Event geworden ist, erfahrt ihr hier.

Eins vorweg: was die Organisatoren für einen Stress in den Mittagsstunden gehabt haben müssen, will man sich gar ausmalen bei diesem Worst-Case-Szenario. Fest steht aber, dass man alle Zahnräder hier loben muss für die Akkordarbeit, die geleistet wurde, um das Rahmenprogramm kurzfristig zu ändern und umzumodeln und somit zu retten. Ein erster Wermutstropfen war allerdings, dass die Electro-Killer Centhron, ursprünglich am Nachmittag und draußen auf der Green Stage geplant, kurzerhand nach vorne auf 10:30 auf die Hauptbühne gelegt wurden – so eröffneten die Bremer unverhofft das diesjährige Amphi, zum Ärger vieler Fans, welche entweder zu spät von der Änderung erfuhren, um ihre Anreise früher zu gestalten (erste Infos hierzu wurden vor Ort ausgehängt und via Facebook in den Morgenstunden mitgeteilt), oder eben am Gelände ankamen und hören mussten, dass die Kombo schon auf der Bühne stand und man sie verpasst hatte. Dennoch konnte so wenigstens überhaupt der Auftritt garantiert werden – ähnlich verfuhr man mit [x]-Rx und DAF, welche im Programm „eingeschoben“ wurden und somit sämtliche Spielzeiten etwas über den Haufen warfen – ganz zum Stress der Techniker beim Bühnenumbau, welche auf Hochtouren werkeln durften. Jeder Besucher wird das anfängliche Chaos sicher anders erlebt haben uns es dauerte tatsächlich länger, bis offizielle und konkretere Informationen auf den Bildschirmen für die Laufzeiten der Bands auftauchten, bzw. die Moderatoren auf der Bühne diese bekannt geben konnten. Trotzdem muss man hier Verständnis haben, dass das Menschenmögliche geleistet wurde. Dem Unmut wurde auf der Amphi-Präsenz auf Facebook deutlich freien Lauf gelassen – während einige Lästerzungen an vielen Stellen schwer überreagierten und den Organisatoren Unrecht taten.

So fand das gesamte Festivalprogramm nur in der großen Arenahalle statt – nach den erwähnten Centhron standen zunächst die Münchner Goth-Rocker Schöngeist auf der Bühne, welche zu bereits gut besuchtem Floor ihre melancholischen Stücke zum Besten gaben. Während der Gig von Chrom reibungslos ablief und mit Klang und Lichtshow das Potential der Halle für Synthpop und Electro unterstrich, hatte der Mexikaner Erk Aicrag mit seinem Aggrotech-Projekt Rabia Sorda mit einigen technischen Aussetzern zu hadern – mal verschwand sein Mikro, mal der eingespielte Loop-Sound (die Zeit überbrückte er mit Aufrufen zum Bierkonsum), und dann versagte auch noch der Keyboardständer von Grigory Feil, der nach dem hundertsten Aufrichten sein Tastengerät mit vollem Elan immer wieder durch die Luft schmiss, am Ende gar vollkommen zerlegte und die Fragmente wie Trophäen ins Publikum pfefferte. Gleich im Anschluss dann auch die nächste Hiobsbotschaft: Alexander Wesselsky, seines Zeichens kreatives Gehirn hinter dem NDH-Brett Eisbrecher, sollte eigentlich mit seinem Soloprojekt Wesselsky auftreten, sagte aber ohne nähere Angabe von Gründen ab, erst später postete er persönlich die Gründe, für die auch hier ein Shitstorm ohnegleichen auf Facebook stattfand. Auch an dieser Stelle war das völlig übertrieben und unnötig!

Ersatz für Wesselsky war schnell mit den abgebrühten Horrorpunkern von The Other gefunden, deren Mitglieder ohnehin alle aus dem Rheinland stammen und keine große Anfahrt hatten. Schade nur, dass auch hier die Informationspolitik mal wieder spärlich war – viele Besucher wird aber diese Überraschung gerade recht gekommen sein, mischte die Kombo den Saal nämlich gehörig auf und animierte sie gar zum ersten Moshpit des Festivals. The Crüxshadows und The Birthday Massacre begeisterten die Fans ohne jeden Makel, nur leider „klauten“ erstere den eingeschobenen [x]-Rx ordentlich Stagetime, weswegen diese nur ein verkürztes Vier-Song-Set spielen durften. Die einflussreichen EBM-Pioniere und Dadaisten DAF bekamen ebenso einen Zusatzplatz in der Halle, während die folgenden Agonoize mit satanischem Opening-Feeling begannen und wieder ordentlich Kunstblut floss. Erst jetzt dann auch ganz konkrete Infos zur Planung am Sonntag, da die Außenbereiche wieder geöffnet sein würden: bis auf Lebanon Hanover, The Devil & The Universe, Neuroticfish, Aeon Sable und Der Fluch konnten so alle offenen Acts auf den folgenden Tag verschoben werden, die genannten fielen leider aus, aber so hielt sich der Schaden eindeutig in Grenzen und man praktizierte 1A-Notfall-Schadenseindämmung. Für Besitzer von Tageskarten natürlich weit weniger spaßig. Mit einem Stilbruch warteten noch die großartigen Goethes Erben und ihrer Tanztheater-Show auf, untermalt mit klassischer Musik in typischer Oswald Henke-Art, exzentrisch, lyrisch hochwertig und klasse inszeniert, bevor der Abend mit den elektronischen Szene-Größen und Headlinern Front 242 und And One gebührend beendet wurde.

So ganz ohne alternative Stages, zu denen man pilgern gekonnt hätte, gefällt einem das Programm auf der Hauptbühne nicht, fiel der Tag wohl für manche Besucher etwas weniger angenehm und monotoner aus, dafür bot dann aber die Lanxess-Arena wieder unzählige Möglichkeiten, sich etwas auszuruhen und auf den Rängen zurückzulehnen oder wenigstens in das ovale Gangsystem um die Halle herum zurückzuziehen. Im Henkelmännchen-Café außerhalb gab es ja auch noch die Autogrammstunden-Sessions, sowie die Händlermeile (die sich so manch ein Besucher gewiss größer vorgestellt hätte), um sich anders zu verdingen.

Fazit des Tages: bootete das Sturmtief „Zeljko“ so einiges an Festival-Planung vollkommen aus, muss man aber auch bedenken, dass nur durch den Location-Wechsel das Amphi überhaupt noch irgendwie stattfinden konnte. Diese Tatsache wurde auch beständig von dem Moderatoren-Trio verbreitet. Andere Festivals des Wochenendes, u.a. auch das große Juicy Beats, mussten komplett abgesagt werden. Trotzdem: eine Weitläufigkeit des Geländes, wie sie eigentlich für Festivals normal ist, gab es hier ganz und gar nicht. Aber wenigstens blieb man unversehrt vor Wind und Regen – und die Umstellungen im Programm waren ebenso akzeptabel wie angenehm. Wer von den enttäuschten Besuchern tatsächlich seine Warnungen auf der Amphi-Seite bei Facebook wahr gemacht hatte und vor verständnislosem Ärger früher abgereist war, kann einem nur Leid tun.

Alle Fotos des ersten Tages findet ihr in unserer Galerie (-> hier).