Entlang der blauen Donau, zugegen des klangvoll betitelten Brucknerhauses feierte man am Dienstag, den 11. Juli 2017 Musik. Das Ahoi, The Full Hit Of Summer lud auf der Linzer Donaulände ungefähr 7000-8000 Besucher zu Tanz, Gesang und sommerlicher Leichtigkeit ein. Fünf namhafte Bands gaben agetwellsoon_07_by_zouberi-dbgecrsuf der üppigen Bühne ihr Ganzes, um Alt und Jung, Hippie und Hipster bei guter Laune zu halten und das gelang ihnen auch. An jenem heißen Julitag konnte das sonst nicht als Konzertstadt bekannte Linz sein Potenzial zur Schau stellen. The Full Hit Of Summer entpuppte sich dabei als keine leere Floskel – bei strahlenden 30 Grad wirkte die Sonne an vorderster Reihe mit, um dem Ausflug in die Parallelwelt eine angemessene Atmosphäre zu bescheren. Schnell machte man sich mitsamt der bei den Eingängen verteilten Sitzmatten auf der Grünfläche breit, bestellte ein Bier, plauderte ein bisschen, während aus den Boxen MGMT die Wartezeit etwas überbrückte. Lange musste man sich jedoch nicht gedulden. Um etwa 15 Uhr betrat der erste Act die Bühne.

Dabei handelte es sich um die deutsche Rockgruppe Get Well Soon, die erst mal mit gepflegter Melancholie und sauberem Alternative Rock mit funkiger Rhythmus-Sektion à la Talking Heads die Bühne aufwärmten. Noch versammelten sich die Menschen eher sparsam vor dem Geschehen, aber allmählich entstand eine Formation, die fortan als ‚die Mitte‘ bezeichnet wird. Der schwere Lohn des etwas undankbaren ersten Slots. Doch auch das Publikum wurde langsam warm. Das Set entwickelte sich zu einer clever verstrickten Melange aus unterschiedlichen Stilrichtungen. Man paarte sonnige Gitarrenchords mit kalten Synthie-Klängen und fingierte später Orgelklänge, was angemessen sommerlich anmutete. Doch die Schatten hingen tief. Schwermut wurde im Gesang, der von post-punkigem Bariton bis Matt Bellamy-esken Höhen reicht, groß geschrieben. Als man sich dann an die beinahe ritualistische Percussion machte, trauten sich auch die ersten Besucher zu tanzen. Im Endspurt zeigte man dann Mut zum Downtempo. In einer dream-pop-inspirierten Klangatmosphäre evozierten liebliche Synths nicht gegenwärtige Streicher, der Gesang glitt mit dem Tempo, welches harmonisch begann und letztendlich im Crescendo mündete. Noch etwas Schabernack am Tamburin und das fein inszenierte Chaos erreichte seinen Höhepunkt.

Als Nächstes trat die Salzburger Band Steaming Satellites auf. Talk about starting with a bang! Die satten Synths dröhnten aus den Lautsprechern. Früh wurde klar, dass nun ein etwas liberalerer Umgang mit elektronischen Klängen die Bühne entlang der Donau dominieren würde. Treibende Beats und die Ferne kämmende Gitarrenchords schickten das Publikum auf die Reise. Im Cabriolet raste man durch die Wüste, das Lichtermeer von Las Vegas im Nacken. Dem Pathos verschriebene Vocals irgendwo zwischen Simply Reds Mick Hucknall und diversen R&B-Inspirationen durchdrangen die Performance. Die Schaustellerei blieb nicht unbelohnt – die Mitte fing an zu wippen. Seifenblasen stiegen den Himmel empor, irgendwann hieß es „Linz, wo ist die Liebe?'“, ein Gitarrensolo wurde bejubelt. Die Mischung aus Blues, Classic Rock und Contemporary Pop schien gut anzukommen.
timbertimbre_07_by_zouberi-dbget0nMit Unheil verkündenden Klängen starteten danach die Kanadier Timber Timbre ihr Set. Dumpfer Bass, ominöse Melodien, konsequent in schwarz mit tief sitzenden Sonnenbrillen. Düsterer Blues vermengte sich allmählich mit lieblichem Slow Dance und gar ein paar funkigeren Nummern. Bemerkenswert war dabei Taylor Kirks sonore Stimme, die etwas an Nick Cave erinnerte und sich tief in die Klangstruktur eingrub. Sehr reserviert und stoisch gab man sich auf der Bühne, als man mit einer gefassten Eleganz Songs zwischen Folk und Blues zum Besten gab. Zwischendurch wurde eine gute Dosis Experimentierfreudigkeit zur Schau gestellt. Subtile Synthesizer fügten sich in die Komposition ein und schufen eine andersweltliche Atmosphäre, Hendrix-eskes „Wah Wah“ durfte auch nicht fehlen. Timber Timbre baten zur Messe und das Publikum nahm andächtig teil. Mit „Thank you very much, you beautiful Austrians, have a lovely evening“, verabschiedete sich dann die sonst wortkarge Band höflichst.

 

Äußerst ehr erbietend war dann auch die Vorstellung der Folgeband, Explosions In The Sky. Förmlichst und herzlich stellten sich die Texaner Post-Rocker vor und schienen einen guten Rapport mit dem Publikum zu haben. Und schon ging die Reise los. Traumartige Kompositionen geprägt durch liebliche Chords flossen anhand von Segues nahtlos ineinander. Euphorische Klänge machten sich breit, während der Reverb-Effekt seine Magie hallen ließ. Songstrukturen hielten sich an das Ebbe-und-Flut-Prinzip, mit angemessener Stille, die den Sturm umso gewaltiger hervorhob. Tropfenartige Synthesizer à la Brian Eno lieferten ausreichend Tagtraummaterial, den Nebel gab es gratis dazu. Marschtrommel-Rhythmen trieben den Beat voran. Später ging die Euphorie in die Melancholie über und es kam zu einem markanten Tempowechsel. Härtere Gitarrenchords dominierten nun die Bühne. Auch anhand von Gestik und Mimik ließ man das Publikum gerne wissen, was da klangtechnisch geleistet wurde. Am Ende des Sets war man um einen Trip reicher.

Zu guter Letzt betraten dann auch die Headliner des Tages, Arcade Fire, die Bühne. Die Mitte hatte sich zuvor etwas ausgeweitet. Die ersten Jubelrufe waren zu vernehmen, als die auf den Seiten der Bühne angebrachten Bildschirme das Promotion-Bild für das neue Werk „Everything Now“ ausstrahlten. Nicht lange danach trudelte nach und nach das zelebrierte Indie-Orchester auf der Bühne ein. Mit dem Debüt-Album-Klassiker „Wake Up“ erntete man auch gleich tosenden Applaus. Dann ging es gleich weiter mit dem Titelsong des neuesten Werkes. Das Arrangement war wie erwartet vollgepackt bis zum Platzen – es wurde gezupft, gestrichen, gedrückt und geschlagen. Hände ragten in die Luft als die Truppe ihre bombastische Rock-Oper in Szene setzte. Ein schweißtreibendes Unterfangen, wie man anhand der Nahaufnahmen des Vokalisten Win Butler nur unschwer erkennen konnte – von Pause machen jedoch weit und breit keine Spur.
Das Stroboskop flackerte, Régine Chassagne spielte breit lächelnd auf der Keytar. Arcade Fire lebten aus, was sie predigen. Nicht nur in den Reihen des Publikums wurde getanzt. Nach der rhythmischen, von Chassagnes Vocals durchdrungenen Nummer „Haïti“, ging man mit einer bombastischen Lichtshow in „Here Comes The Nighttime“ über. Mit „No Cars Go“ befand man sich wieder im Territorium der sicheren Gassenhauer. Energetisch und schick mit Akkordeon machte man kräftig Stimmung. Das Publikum ließ es sich nicht nehmen, noch lange mit zu-‚oohen‘. Ein Muster, das sich im Laufe des restlichen Sets wiederholen würde. Mit „Windowsill“ gab sich Win Butler in seiner Stimmlage deutlich verwundbarer und zerbrechlicher. Das Arrangement bestach dabei durch respektvolle Zurückhaltarcadefire_25_by_zouberi-dbgf3b4ung. Mit Akustikgitarre und viel Gefühl war man nun in einer modernen Interpretation von 60er-Jahre-Folk angelangt.

Man mäanderte mit „Neon Bible“ etwas dahin und befand sich dann in den „Suburbs“. Ein Fan-Favourite kommt selten allein, bei der Performance von „Neighbourhood 1: Tunnels“ wurde kein Tunnel, sondern eine weitere Brücke gebaut. Die Wahl des brandneuen Tracks „Creature Comfort“ als Set-Closer ließ etwas Freiraum zur berechtigten Skepsis. Nicht allzu überraschend war dann die Erkenntnis, dass es eine Zugabe geben würde. Noch einmal durchwanderte man die Nachbarschaft, mit dem rhythmischen Song „Power Out“ und sorgte dann mit dem wohl zelebriertesten Song der Bandgeschichte, „Rebellion (Lies)“ für einen angemessenen Abgesang. Auch nachdem die Band die Bühne verlassen hatte, waren noch ‚Oohs‘ aus der versammelten Menschenmenge zu vernehmen.

Des späten Abends, kurz nach 23 Uhr, machte sich alles dann allmählich auf den Weg nach Hause. Die Sonne würde sich erst in ein paar Stunden wieder melden. Mancherorts wurde auf der nächtlichen Donaulände noch ge-‚ooht‘. Schiff Ahoi!